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Musik

04. März 2016

Lucinda Williams: The Ghosts of Highway 20: 1535 amerikanische Meilen

 Von Olaf Velte
Und Müdigkeit nach all dem Erinnern: Lucinda Williams.  Foto: Highway 20 Records/Thirty Tigers/Alive

Texas, Louisiana, Mississippi, Alabama, Georgia und South Carolina: Auf ihrem neuen Album bewältigt Lucinda Williams mit großen Songs die Geister von Highway 20.

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I settle down on a hurt as big as Robert Mitchum / and listen to Lucinda Williams.“ Vor einem Vierteljahrhundert hat Vic Chesnutt seine Kollegin mit einem Song geehrt, der schlicht „Lucinda Williams“ überschrieben und zum Verzweifeln authentisch ist. Der gute Mister Chesnutt hat sich längst von dieser Welt verabschiedet – Madam Williams ist noch da, mittlerweile 63 Jahre alt, das neue Doppelalbum heißt „The Ghosts of Highway 20“.

Kaum sind anderthalb Jahre vergangen, seit ihr elftes, ebenfalls doppelt beladenes Studiowerk „Down Where the Spirit Meets the Bone“ erschienen ist. Kaum reicht die Zeit, das eigene Leben in Lieder und Strophen zu bannen, des ganzen Durcheinanders habhaft zu werden.

Dass sich Lucinda Williams heute mit namhaften Begleitmusikern umgeben und mit Popularität punkten kann, war ihr nicht ins Notenheft geschrieben. Spät, kurz vor dem 2000er Jahr, gerät sie ins Visier einer größeren Öffentlichkeit. Da liegen ihre frühen Einspielungen – „Ramblin’“ von 79 ist traditioneller Blues, das folgende „Happy Woman Blues“ mit Pedal Steel und Fiedel gesättigt – lange zurück. Viel hätte nicht gefehlt, und die junge Dame (damals im weißen Kleid, lauthals lachend, den Stetson in der Rechten) wäre ins seltsame Land der Country Music entschwunden. Und hätte dort ihren Weg gemacht.

Lucinda Williams hat jedoch einen anderen gewählt – wenn man so will: den weniger bequemen. Irgendwann wurde die Tochter des Dichters Miller Williams laut, holte sich Bassist und Schlagzeuger und Gitarrist an die Seite, verkochte Blues, Country, Rock’n’Roll zur geeigneten Trägerschicht für die stets dringlichen Texte. Susanna Hoffs durfte mitsingen, Tony Joe White den Swamp-Meister geben. Aufs Glatteis ließ sie sich da nicht mehr führen. „Piss on your designer boots and designer leathers“, heißt es in „Little Rock Star“ von 2008. Immer unwirtlicher ihre Stimme, die Intonation.

Auf der Interstate 20

Seit einigen Jahren sterben Familienangehörige. Zuerst die Mutter, die Tante, jetzt der Vater. Die Alben „West“, „Down Where the Spirit Meets the Bone“ und „The Ghosts of Highway 20“ sprechen davon. In langen, ausufernden Songs. Auf der nun veröffentlichten Williams-Selbstvergewisserung sind sie 1535 amerikanische Meilen lang und durchqueren Texas, Louisiana, Mississippi, Alabama, Georgia und South Carolina.

Es ist der Interstate 20, den sie noch einmal bewältigen muss: „I know this road like the back of my hand.“ – Von sonnendurchleuchtetem Kindheitszauber keine Spur, vielmehr wird Kraft aus bestandenen Kämpfen gezogen, von Sünden erzählt, die von keinem Regen der Welt mehr abgewaschen werden können. Da passt die Vertonung vergessener Woody-Guthrie-Lyrik ebenso hinein wie eine Version von Springsteens „Factory“. Wer hören will, was mit Fremdmaterial möglich ist, sollte ihre J.J. Cale-Adaption „Magnolia“ vom 2015er Album auswählen: Auf fast zehn Minuten ausgedehnte Intensität, unvergesslich.

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Man mag ihr die Gesellschaft der Virtuosen Bill Frisell und Greg Leisz gönnen – die Kunstfertigkeiten und Gitarren-Sperenzchen sind aber nicht immer eine Bereicherung. Dennoch. Es gibt große Songs hier. Mit „There’s a sadness so deep“ hebt das eröffnende „Dust“ an. 6.18 Minuten, und Southern Rock hat wieder einen guten Namen. Die endlose Müdigkeit nach all dem Erinnern („Down deep south/When I was growing up/Looking back on sweetness/Looking back on the rough“) und Hinnehmen gipfelt in den 9 Minuten der „Louisiana Story“.

Der abschließende Song heißt „Faith and Grace“ und ist das nicht Erwartete, das Beste an diesem Spätwintertag. Eine Meditation, die perlt, kriecht, nie enden will. Ras Michael spielt seine Jamaican Hand Drums, Lucinda Williams bewegt sich im Unterholz, begleitet von Gespenstern. Die Stimme ist bereits jenseits der Grenze. „Just a little more faith and grace / To help me run this race / That’s all, that’s all, all I need.“

Lucinda Williams: The Ghosts of Highway 20. Highway 20 Records/Thirty Tigers/Alive.

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