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Mailänder Scala: Melancholischer Blick

Die Mailänder Scala beschäftigt sich mit sich selbst und am Rande mit Verdis "Don Carlo".

Stuart Neill und Fiorenza Cedolins in einem für Mailänder Verhältnisse schon gewagten Bühnenbild.
Stuart Neill und Fiorenza Cedolins in einem für Mailänder Verhältnisse schon gewagten Bühnenbild.
Foto: ap

Die Inaugurazione am 7. Dezember lässt sich die Mailänder Gesellschaft auch von Streikdrohungen nicht verderben. Das ist ein Tag, an dem sich Italien daran erinnert, dass es das Ursprungsland der Oper ist. Wenn von Kostümen geredet wird, sind die auf der Bühne und die im Zuschauerraum gleichermaßen gemeint. Für die Premiere war der Kulturkanal Arte mit einer Live-Übertragung im Boot.

Kurz vor der Premiere gab man noch schnell Giuseppe Filianoti, der den Carlo singen sollte, den Laufpass. Hinzu kam, dass der als Großinquisitor vorgesehene Matti Salminen nicht mehr zur Verfügung stand. Überhaupt war das Ensemble für das Spitzenhaus der italienischen Oper enttäuschend zusammengestellt. Am überzeugendsten gelang noch Dalibor Jenis der Rodrigo, Ferruccio Furlanettos König war vor allem in der Verzweiflung anrührend, während weder Fiorenza Cedolins' Elisabeth noch die Eboli der Dolora Zajick Maßstäbe zu setzen vermochten.

Dass sich der Ersatz-Infant Stuart Neill problemlos in die Produktion einzufügen mochte, ist selbst ein Teil des Problems, zumindest wenn man mit nichtitalienischen Augen auf die Inszenierung blickt und die politische Brisanz dieses Stückes für Italien sucht. Selbst Daniele Gattis Dirigat fand mit einem zwar sinnlich schwelgerischen, doch mitunter auch ziemlich heftig zulangenden Ton nicht nur Zustimmung. Ein unumstrittener Matador vor Ort würde von mehr Enthusiasmus getragen.

In der Oberflächenglanzwelt

Im Begleitbuch gibt es eine bebilderte Aufführungsgeschichte der Verdi-Oper an der Scala. Sie demonstriert dieses seltsame Herüberleuchten einer heroischen Opernvergangenheit in die Oberflächenglanzwelt der Gegenwart, für die auch dieses Haus steht. Verglichen mit der dort protokollierten Prachtentfaltung mögen ja Stéphane Braunschweigs Regie und Bühne sogar als gewagt reduziert durchgehen. Ein paar symmetrisch verteilte graue Grabplatten lassen sich auch als Drehtüren für einen Abgang nutzen, das Blattgrün aus dem Wald von Fontainebleau wird bei Bedarf projiziert. Auch kann der König in seinen schlichten Bühnenkastenräumen vereinsamt vor sich hin leiden; dass er ebenfalls in einem Gefängnis lebt, wird dadurch unterstrichen, dass das Gefängnis seines Sohnes eine ins königliche Gemach gestellte verkleinerte Kopie davon ist.

Von der so vertrackten emotionalen Ambivalenz zwischen den beiden spürt man aber gerade da nichts, wo Verdi ihr Raum gibt. Sicher versucht Braunschweig durch die immer wieder auftauchenden Kinderdoubles für Carlos, Posa und Elisabeth etwas über den Verlust von Hoffnung aufzuspüren. Doch diese Fußnoten bleiben lllustrationen. Der Rest ist Tableau, Rampe, Pose und ein demonstrativer Verzicht auf Personenregie. Da half auch die Fernsehregie mit ihren Naheinstellungen nicht viel.

Vielleicht waren ja die Erwartungen an Intendant Stéphane Lissner zu hoch, als er von Aix-en-Provence nach Mailand wechselte. Wahrscheinlich genügt sich Geist der Scala ohnehin selbst, egal wer unter ihm Intendant ist. Auf jeden Fall aber ist die ästhetische Bilanz in Mailand so ernüchternd, dass sie nicht in den Verdacht geraten kann, als Bewerbung womöglich für Berlin missverstanden zu werden.

Für die Scala konsequenter und ehrlicher wäre es, sich als Opernmuseum für alle Melomanen zu bekennen, die sich den reinen Musikgenuss nicht verderben lassen wollen. Schon gar nicht durch störendes Nachdenken über die Szene.

Teatro alla Scala, Mailand:

12., 14., 16., 19., 21. Dezember.

Autor:  JOACHIM LANGE
Datum:  9 | 12 | 2008
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