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Matthäus-Passion in Frankfurt: Komm, süßes Kreuz

Er ist nie von Bach weg gewesen: Philippe Herreweghe dirigiert in Frankfurt die Matthäus-Passion. Er gibt sie schlank und - das vormals Revolutionäre ist längst etabliert - geradezu zeitlos modern. Von Tim Gorbauch

Der Satz wird ihn auf ewig begleiten. Er sei bachmüde, sagte Philippe Herreweghe vor Jahren in einem Interview, eine Matthäus-Passion werde er nicht mehr dirigieren. Herreweghe, der als Autodidakt und im Verbund mit Nikolaus Harnoncourt und Gustav Leonhardt die historische Aufführungspraxis maßgeblich beeinflusst hatte, dirigierte da schon längst nicht mehr nur alte Musik, sondern auch Brahms, Bruckner, Mahler, das große sinfonische Format.

Für einen Moment schien es, er sei dem Barock abhanden gekommen. Doch Herreweghe ist zu Bach zurückgekommen, wenn er denn je wirklich weg war. Und nach Frankfurt, zu den Bach-Konzerten in der Alten Oper Frankfurt, bringt er sogar die Matthäus-Passion mit.

Er gibt sie schlank und - das vormals Revolutionäre ist längst etabliert - geradezu zeitlos modern. Zwei je zwölf Sänger umfassende Chöre sind links und rechts auf der Bühne postiert. Aus ihnen erwachsen, auch das eine inzwischen bewährte Tradition, die Solisten. Evangelist und Christus sind nicht am Bühnenrand exponiert, sondern sitzen mitten im Orchester. Von der monumentalen Pracht herkömmlicher Bach-Deutungen hat sich Herreweghe wohl am konsequentesten verabschiedet. Der uralte Vorwurf an ihn lautet deshalb, sein Bach sei zwar unfassbar präzise und ausgewogen, aber auch geradezu körperlos.

Und in der Tat, anders als etwa John Eliot Gardiner, der für Bach Begriffe wie Ekstase und Euphorie reklamiert, sind die Ausschläge bei Herreweghe gering oder, anders gesagt, mit Bedacht gesetzt. Kein Theater weit und breit, aber eben auch kein karger Morgengottesdienst. Dafür sorgt das Collegium Vocale Gent, einer der besten Chöre, den Herreweghe vor 40 Jahren gründete. Was hier in den Chorälen an Zuversicht und Trost hörbar wird, ist atemberaubend. Und wie sehr Herreweghe sofort eine Einheit aus Chor und Orchester formt, wie präsent die Musik vom ersten Takt an ist, das macht ihm keiner nach.

Die Solisten können das Niveau nicht immer halten, selbst ein erfahrener Evangelist wie Christoph Prégardien wirkt bisweilen etwas gehetzt - um dann doch an entscheidender Stelle das Bibelwort so schlicht wie grandios zu deuten. "Und Jesus schwieg stille" ist ein solcher, vordergründig lapidarer Satz, dessen Bedeutung lange nachklingt.

Autor:  Tim Gorbauch
Datum:  30 | 3 | 2010
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