Der Einstieg ist seltsam. Ein Rezitativ des Propheten, pathetisch, wie der Auftritt eines Richters oder eines Königs, ohne jede Einleitung, mit tiefem Bass vorgetragen. Dann ist das Orchester an der Reihe, eine lange Ouvertüre, die in ein Crescendo mündet, das die ganze Wirkkraft des Oratoriums vorwegnimmt. Auf dem Höhepunkt setzt der Chor ein, ein wuchtiges Tutti, das sich in die Musikgeschichte eingeschrieben hat - wie das ganze Werk, jener riesenhafte, tief romantische "Elias" von Felix Mendelssohn Bartholdy.
"Recht dicke, schwere und volle Chöre" schwebten dem Komponisten vor, die Beschreibung ist eine Untertreibung. Oratorien waren im 19. Jahrhundert Musik für Tausende. Musikfeste schufen eine Öffentlichkeit, die es vorher nicht gegeben hatte. Mendelssohn wusste sie zu bedienen. "Kommt her, alles Volk, kommt her zu mir!", hört man seinen Protagonisten Elias einmal singen. Der Komponist hat das wörtlich genommen. Und auch die Basilika von Kloster Eberbach ist ausverkauft, 1400 Zuhörer sind zum Rheingau Musik Festival gekommen. Das ist nicht allein dem Werk geschuldet, sondern vor allem auch dessen Interpreten.
Eleganz und Gewissheit
Philippe Herreweghe, ein Pionier der historischen Aufführungspraxis alter Musik, hat sich längst ins 19. Jahrhundert vorgearbeitet, und wenige Dirigenten sorgen für größere Kontroversen. An seinem Bruckner, auch seinem Schumann scheiden sich die Geister in orthodoxe Anhänger und irritierte Gegner. Unbestritten allerdings ist die musikalische Kraft des Collegium Vocale Gent, von Herreweghe vor mehr als 30 Jahren gegründet. Einen besseren Chor wird man weltweit nur schwer finden.
Rasch wird er auch zum Träger der durch und durch dramatischen Handlung. Ein kleines Beispiel, 1. Teil, das Wunder der Erweckung. Es ist, als würde alle Musik auf den finalen Chor zulaufen und in ihm aufgehoben werden. Der Fluss, der da spürbar wird, die blühende Eleganz, die Gewissheit zugleich, die auf einer anderen Ebene an Bachs Choräle anschließt, das ist so gut gesungen, dass einem fast der Atem stockt.
Elias, den sich Mendelssohn "stark, eifrig, auch wohl böse, zornig und finster" dachte, wird von Florian Boesch als große, zerrissene Gestalt gezeigt. Und Herreweghe? Er sucht wie immer das Charakteristische, nicht das Klangschöne. Es wirkt indes nicht so manieriert wie noch bei Schumann, näher am Werk. Und er hat das Collegium Vocale Gent an seiner Seite. Mit ihm kann eigentlich nichts schief gehen.