Aktuell: Schicksal von Tugçe A. | Burger King | Polizeigewalt in Ferguson | Eintracht Frankfurt | Fußball-News

Musik

11. Juli 2012

Mick Jagger Keith Richards & Co.: 50 Jahre Rolling Stones

 Von Robert Rotifer
Die Rolling Stones 1973 in Wembley. Foto: AFP

Seit einem halben Jahrhundert sind die Stones dick im Geschäft. Zeit für polemische Beobachtungen unseres Autors aus London.

Drucken per Mail

Seit einem halben Jahrhundert sind die Stones dick im Geschäft. Zeit für polemische Beobachtungen unseres Autors aus London.

In der Wardour Street Nummer 90 im Londoner Stadtteil Soho steht ein kubanisches Lokal namens Floridita mit abendlicher Live-Beschallung, üblicherweise zwischen Funk, Latin und Jazz. Am 12. Juli wird dort dagegen – zur Feier der 50-jährigen Wiederkehr des Live-Debüts einer britischen Rock-Institution – die Tribute-Band Counterfeit Stones auftreten: „Wo ließe sich das Jubiläum der Stones besser feiern als an dem Ort, der sie auf den Weg zur Weltberühmtheit gebracht hat“, heißt es auf der Webseite des Floridita in Anspielung auf den Marquee Club, der bis zu seinem Abriss Ende der Achtzigerjahre auf demselben Gelände stand.

Im Marquee Club absolvierten die „Rollin’ Stones“, wie sie damals noch hießen, am 12. Juli 1962 ihren ersten Live-Auftritt – freilich stand diese Wiege der britischen Rockmusik damals noch an ihrem ursprünglichen Ort in der Oxford Street, Hausnummer 165; erst zwei Jahre später zog der Club in die Wardour Street um. Wo Mick Jagger, Keith Richards, Brian Jones, der Pianist Ian Stewart sowie der spätere Pretty-Things-Gitarrist Dick Taylor am Bass und der künftige Kinks-Drummer Mick Avory am Schlagzeug einst ein puristisches Rhythm-&-Blues-Set herunterklopften, steht heute hingegen eine Filiale der Santander-Bank.

Der Wandel der Schauplätze der frühen Stones-Geschichte sagt grundsätzlich einiges über den Wandel der Welt in den fünf Jahrzehnten ihres Bestehens aus: Das Station Hotel zu Richmond, wo die Stones regelmäßig den berühmten Crawdaddy Club zu rocken pflegten, beherbergt heute eine der arrivierten Umgebung angepasste Restaurant-Bar namens One Kew Road. Schwer vorstellbar, dass hier einst der junge Andrew Loog Oldham die Schlangensilhouette des jungen Mick Jagger im Zwielicht eines schmalen Durchgangs erspähte: die erste Begegnung zwischen dem Manager, der das kalkulierte Böse-Buben-Marketing in die Rockmusik einführen sollte, und seinem willigen, verfilzten Subjekt.

Wohnen im Drecksloch

Auch die erste gemeinschaftliche Wohnung von Jagger, Keith Richards und Brian Jones am Edith Grove im Stadtteil Chelsea – damals ein zwei Zimmer großes Drecksloch ohne funktionierende Heizung, mit feuchten Wänden, blanken Glühbirnen und einer Rattenfamilie in der Toilette – liegt heute in einer der teuersten Londoner Nachbarschaften. So kirchenmausarm die Stones damals auch gewesen sein mögen, von Mick Jaggers Uni-Stipendium (das er heute nicht mehr bekäme, er müsste stattdessen Gebühren zahlen) und Brian Jones’ Nebenjob in einem Kaufhaus könnte man hier bei den heutigen Preisen nicht einmal mehr die Miete für einen Wandschrank bezahlen.

Lange schon ist die Bohème aus dem Zentrum der Stadt verdrängt – das ist nicht nur in London so. Wenn man das Rebellentum der frühen Stones in seinem historischen Kontext verstehen will, muss man sich überhaupt wieder in Erinnerung rufen, dass es eine Zeit gab, in der die Bohème noch selbstverständlich die Innenstädte bevölkern konnte. Man kann das rückblickend auch als Verwöhntheit bezeichnen: Mehr noch als der an einen väterlich autoritären Manager und die Armee gekettete Elvis oder die anfangs so ungefährlich wirkenden Beatles standen gerade die Rolling Stones für die arrogante „Time is on my Side“-Attitüde einer vom boomenden Arbeitsmarkt und der keimenden Konsumgesellschaft umschmeichelten Generation. „Ich hab die Freiheit, mir jederzeit zu holen, was ich will“, sang Jagger 1965 in „I’m Free“.

Für die britische Jugend der Gegenwart ist so ein Satz höchstens noch im Kontext urbaner Plünderfeldzüge wie der Riots vom letzten Sommer verständlich. Die Erkenntnis aus „Street Fighting Man“, dass es „in der schläfrigen Londoner Stadt einfach keinen Platz für einen Straßenkämpfer“ gäbe, las sich im flackernden Licht des brennenden Tottenham wie eine kuriose Botschaft aus einer fernen, fremden Welt. Auch könnte der „poor boy“ aus dem Song heute alles mögliche versuchen, um zu Reichtum zu gelangen – „to sing in a rock’n’roll band“ kommt nicht mehr in Frage. Musizierende Arbeiterkinder sind eine verschwindende Minderheit. In Zeiten des geschrumpften und immer brotloser werdenden Musikgeschäfts bleibt die Popstar-Perspektive finanziell vorversorgten Ex-Privatschülern wie Mumford & Sons, Lily Allen, Laura Marling, Florence Welch oder Coldplay vorbehalten. Im Oktober 2010 waren bereits 60 Prozent der britischen Charts-Positionen von musizierenden Ex-Privatschülern besetzt, verglichen mit „nur“ 54 Prozent der Sitze der konservativen Parlamentsfraktion nach den Unterhauswahlen im selben Jahr.

Lebende Fossilien

Insofern leidet die Legitimität der Stones keineswegs, wie von ihren Kritikern schon seit den späten Siebzigern beharrlich behauptet wird, an ihrem fortgeschrittenen Alter. Ganz im Gegenteil: Wenn der klassische Rock’n’Roll sich als Alternative zur trüben Existenz eines gesicherten, aber monotonen Büro- oder Fabrikjobs empfahl (damals gemiedene Sackgasse, heute begehrtes Privileg) – dann ist diese Perspektive historisch inzwischen derart überholt, dass sie sich ausschließlich von Musikern vermitteln lässt, die selber wie lebende Fossilien wirken.

„Es gab eine kurze Periode von 1970 bis 1997, als die Leute sehr anständig bezahlt wurden“, sagte Sir Mick Jagger, als die BBC ihn vor zwei Jahren einmal auf die Krise des Musikgeschäfts im Download-Zeitalter ansprach: „Mit Platten ließ sich nur eine sehr, sehr kurze Zeit lang Geld machen, aber jetzt ist diese Periode vorbei.“ Ein Umstand, der den Profiteur dieser historischen Anomalie, wie er bekannte, „ziemlich entspannt“ hinterlässt. Jagger ist sich also treu geblieben. Wie schon einst in den Sechzigern spricht er auch heute noch mit sicherem Gespür und einer Prise Zynismus für sich selbst und den glücklichen Teil seiner Generation. Und die Zeit ist immer noch auf seiner Seite.

Zur Homepage
comments powered by Disqus

Musik-Charts

Quelle: Amazon Mehr...

Videonachrichten Musik
TV

Gestern ferngesehen? Wir auch! Diskutieren Sie mit!

Videonachrichten Kultur