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Miles Davis: Die Erfindung der Coolness

2009 war ein wichtiges Miles-Davis-Gedächtnis-Jahr - mit Tourneen, einer Ausstellung in Paris und verschiedenen Veröffentlichungen. Von Hans-Jürgen Linke

1959: Miles Davis bei den Aufnahmen zu Kind of Blue. Foto aus der Pariser Schau We Want Miles!.
1959: Miles Davis bei den Aufnahmen zu "Kind of Blue". Foto aus der Pariser Schau "We Want Miles!".
Foto: sony music entertainment

Es ist gut zweieinhalb Jahre her, dass Miles Davis 80 Jahre alt geworden wäre, wenn er nicht am 28. September 1991 gestorben wäre. Man sieht an diesen Jahreszahlen sogleich: Weder für den Geburts- noch für den Todestag hat sich im Jahre 2009 eine dezimale Notwendigkeit ergeben. Und dennoch: 2009 war Miles-Davis-Jubiläums-Jahr. Nicht alle haben es gemerkt.

Fangen wir 1949 an. Miles Davis war 23 Jahre jung, ein selbstbewusster Trompeter aus der seinerzeit noch sehr kleinen afroamerikanischen upper middle class in den USA, aufgewachsen in East St. Louis. Er leitete seine erste große Band mit später so prominenten Mitgliedern wie Gerry Mulligan, Jay Jay Johnson, Gunther Schuller, Max Roach und Lee Konitz und arbeitete unter anderem mit dem Arrangeur Gil Evans zusammen. Die Band war ein Nonett mit ungewöhnlicher Besetzung und nannte sich "Miles Davis And His Tuba Band", heute firmiert sie allgemein unter "Capitol Orchestra". Mit ihr spielte Davis die Langspielplatte ein, die einen ersten gewichtigen Beitrag leistete zur vorläufigen Unsterblichkeit seines Nachruhms: "Birth of the Cool". So dass im Jahre 2009 das Jubiläum "60 Jahre Birth of the Cool" zu feiern gewesen wäre.

Zur Sache

Miles Davis, geboren am 26. Mai 1926, gestorben am 28. September 1992, war der am besten verdienende Trompeter und einer der prominentesten Musiker der Jazzgeschichte. 1949, 1959 und 1969 wurden unter seiner Leitung epochemachende Alben eingespielt.

Neue Bücher Jörg Konrad: Miles Davis - Die Geschichte seiner Musik. Bärenreiter Verlag, Kassel, 202 Seiten, 19,95 Euro.

Tobias Lehmkuhl: Coolness. Über Miles Davis. Verlag Rogner & Bernhard, Berlin, 168 Seiten, 16,90 Euro.

50 CDs, die 52 von Davis für Columbia eingespielte Alben enthalten, sind als Box in limitierter Auflage erschienen.

Die Ausstellung "We Want Miles!" in der Cité de la Musique in Paris ist noch bis zum 17. Januar zu sehen und geht dann vom 20. April bis 29. August ins Montréal Museum of Fine Arts. Ein Katalog in französischer Sprache ist in Paris erhältlich, in Montréal wird es auch einen englischsprachigen Katalog geben. www.citedelamusique.fr (H.L.)

Die Jazzgeschichte ging weiter, Miles Davis kam nach Frankreich, lernte unter anderem Juliette Gréco kennen und lieben und erlebte, dass Männer wie Jean Paul Sartre und Pablo Picasso ganz erpicht darauf waren, ihn kennen zu lernen. Er kam zurück in die USA, musste wieder die Clubs und Konzertsäle, in denen er gefeiert wurde, durch den Hintereingang betreten und wurde auf Tourneereisen durchs Land wegen seiner Hautfarbe in Restaurants und Raststätten nicht bedient.

Wie viele Jazzmusiker in seiner Umgebung landete er beim Heroin. Er brauchte Jahre, um davon wieder loszukommen, und kam doch später wieder drauf zurück. Erst einmal aber ging er nach New York, wo der Bebop blühte, und bald wieder nach Paris, wo er für Louis Malles Film "Fahrstuhl zum Schafott" ("Ascenseur pour l´échafaud") die Musik einspielte. Er hatte einen Trompetenstil entwickelt und reifen lassen, der aus einer gewissen technischen Beschränktheit seiner Virtuosität eine Tugend machte: unterkühlte Lyrik, fahle Klangfarben, eine dramatische Phrasierungskunst auf der Basis größter Ökonomie in der Anzahl der gespielten Noten, Klangverfremdung durch die Verwendung von Dämpfern; dazu kam sein unglaubliches, untrügliches Stilgefühl.

All das hatte ihn, zusammen mit einer Reihe leidlich erfolgreicher und zunehmend innovativer Langspielplatten und zunehmend prominent platzierter Festival-Auftritte schon zu einem der bekanntesten Jazzmusiker der fünfziger Jahre gemacht; so nahm er Anlauf zu seinem nächsten Geniestreich. 1959 spielte er die zweite unsterbliche Aufnahme ein: "Kind of Blue", ein Album, das der US-amerikanische Kongress im November 2009 zum nationalen Kulturerbe erklärte. So dass im Jahre 2009 auch das Jubiläum "50 Jahre Kind of Blue" zu feiern gewesen wäre, was wenigstens der Kongress getan hat.

Um die Sache nicht mehr als nötig in die Länge zu ziehen: Auch die Album-Jubiläen "40 Jahre In A Silent Way" und "40 Jahre Bitches Brew" wären 2009 zu feiern gewesen, nachdem im Jahre 1969 diese beiden Epoche machenden Einspielungen im Abstand von gerade einem halben Jahr entstanden: "In A Silent Way" mit einer Musik voller unterirdischer, wie tektonischer Spannung unter einer kühlen, dünnen Kruste, "Bitches Brew" dann als Hexenkessel neuer Klänge und Klangorganisation, mit weniger federnder als schüttelnder, insistierend hämmernder Rhythmik, mit zwei Bässen, drei Schlagzeugern, drei Tasteninstrumenten, einem Gitarristen und einer Trompete wie von einem anderen Stern.

Alles, was danach kam, all die Extravaganzen, die zunehmend überdrehten Überschneidungsversuche mit elektronischer Popmusik, die sich wieder in den Lebensvordergrund schiebende Drogen-Karriere, die Selbst-Trivialisierung, all das ist passiert, prägt aber nicht mehr das Nachleben, den Ruhm, den Mythos. 2009 war dreifach Miles-Davis-Jahr, und manche haben es gemerkt und frühzeitig reagiert.

Zum Beispiel haben mehrere Musiker, die an Miles-Davis-Bands beteiligt waren, Gedächtnis-Tourneen unternommen, am markantesten der Saxofonist Wayne Shorter. Jörg Konrad hat, auf den Spuren des biografisch-stilkritischen Miles-Davis-Buches von Peter Niklas Wilson (2001) eine chronologisch und stilanalytisch angelegte Betrachtung zu Miles Davis´ Musik verfasst. Tobias Lehmkuhl hat ein sehr lesenswertes, kulturgeschichtlich reflektierendes Buch über den emotionalen Stil der Coolness geschrieben, als dessen Protagonisten er Miles Davis sieht und als dessen historisch-kultureller Ausgangspunkt möglicherweise die westafrikanische Yoruba-Kultur des 15. Jahrhunderts gelten muss. Lehmkuhl reichert seinen Text an mit Anflügen einer Miles-Davis-Biografie, aber nicht, um eine korrekte Chronologie zu liefern, sondern um exemplarische Vorgänge, Anekdoten und Verhaltensmerkmale zu finden für einen emotionalen Stil, der sich seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in der westlichen Welt allenthalben ausgebreitet hat.

Auch der Tonträgermarkt hat registriert, dass 2009 Miles-Davis-Jahr war. Abgesehen davon, dass es um die Lieferbarkeit seiner Musik nicht ganz schlecht bestellt ist, gibt es jetzt auch Miles Davis in einer opulenten Kassette mit 70 CDs und einer DVD, die alle Aufnahmen enthält, die Miles Davis für Columbia eingespielt hat, dazu ein umfangreiches Booklet mit Biografie, Discografie, Stücke-Index und vielen Fotos.

Und dann ist da die Cité de la musique im Nordosten von Paris, in deren Museum Vincent Bessières und seine Mannschaft eine auf zwei Etagen verteilte Miles-Davis-Ausstellung mit großem Materialaufkommen ausgerichtet haben: "We Want Miles!" Sie ist voller Klangkabinen und Videoschirmen für Bild- und Musik-Aufnahmen aus verschiedenen Stilperioden; Notenblätter, handschriftlicher Notizen und Arrangements, Lebenszeugnisse, Original-Instrumente, Filme. Weil Miles Davis zu Paris eine enge Beziehung hatte (und umgekehrt), kann die Schau auch mit intensiven atmosphärischen Valeurs aufwarten. In ihrer biografischen Abteilung widmet sie sogar den Jahren des Rückzugs aus der Öffentlichkeit in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre einen dunklen Durchgang zu seinem Comeback. Es scheint bis heute anzuhalten. 2009 war Miles-Davis-Jahr.

Autor:  Hans-Jürgen Linke
Datum:  28 | 12 | 2009
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