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27. März 2009

Mittelalter-Rock: Stürzendes Blut, tobende Stürme

 Von THOMAS WINKLER
"Kreuzfeuer" heißt das zehnte Album von Subway to Sally. Foto: Nuclear Blast/Warner

2008 gewannen Subway to Sally Raabs Bundesvision Songcontest. Jetzt legt die Band ihr zehntes Album vor. "Kreuzfeuer" - eine Rückbesinnung vom Heavy Metal auf bleischwere Romantik. Von Thomas Winkler

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Als der Mittelalterrock in der bundesdeutschen Fernseh-Öffentlichkeit ankam, wirkte selbst Stefan Raab bedröppelt. Eben hatte sein Bundesvision Songcontest einen Sieger gefunden, da entriss dieser Mann mit schwarzem Stirnband, blondierten Stachelhaaren, absonderlichem Lederschurz und dem obskuren Namen Eric Fish dem Moderator das Mikro und bellte hinein: "Hättste nich' jedacht, wa?" Hatte er nicht: Raab war ähnlich überrascht wie jeder andere, dass Subway To Sally ausreichend Stimmen auf sich vereint hatten.

Ein Jahr später veröffentlichen die Contest-Gewinner ihr zehntes Album, "Kreuzfeuer", und der von den bürgerlichen Medien weitgehend ignorierte Geheimtipp ist zum Aushängeschild einer umsatzstarken Musik-Szene geworden: Der Mittealterrock boomt.

Inoffizielle Kulturbotschafter

Die Karriere der Sallys, wie sie von ihren Fans genannt werden, begann auf Gauklerfesten und führte über Mittelaltermärkte in die mittelgroßen Hallen der Republik, die gut gefüllt sind, wenn das Septett seinen elektrisch verstärkten Folklore-Rock aufführt. Der zunehmende kommerzielle Erfolg ließ sich auch an Charts-Platzierungen ablesen: Die letzten drei Alben der Potsdamer Band stiegen bis in die Top Ten.

Und seit dem bundesweiten Telefonvoting des Songcontests ist es offiziell: Subway To Sally und mit ihnen die Mittelalterszene, vordem ein Auffangbecken für frustrierte Punks, gescheiterte Hausbesetzer und enttäuschte DDR-Dissidenten, haben den Mainstream erreicht.

Dabei beschränkt sich dieser Erfolg nicht auf die Heimat: Subway To Sally und ihre Kollegen wie In Extremo, Corvus Corax, Tanzwut oder Schandmaul erreichen nicht nur hier vordere Plätze in den Hitlisten, sondern spielen auch im Ausland vor Tausenden von Menschen.

In den USA und Russland, ja sogar in Lateinamerika werden im Fahrwasser von Rammstein auch die deutschen Mittelalterrocker gefeiert. Das knarzend rollende "R" und das vibrierende Pathos bestätigen deutsche Klischees. Man muss zur Kenntnis nehmen: Subway To Sally sind nach bald zwei Jahrzehnten Bandgeschichte zu so etwas wie inoffiziellen Kulturbotschaftern dieses Landes aufgestiegen.

Der Erfolg hat allerdings zu Verwerfungen innerhalb der Szene geführt: Man ist sich nicht grün unter Mittelalterrockern. Vor allem die beiden Branchenführer Subway To Sally und In Extremo, die mit ihrem letzten Album "Sängerkrieg" sogar Madonna vom Platz eins der deutschen Albumcharts stürzten, engagieren sich in einem kleinkarierten Scharmützel: Welche Band ist authentischer? Welche hat die Ideale der Szene verraten? Wie viel Mittelalter muss und wie viel Metal darf sein?

Für den Laien mögen die Unterschiede zwischen den einzelnen Bands bestenfalls marginal sein, aber in wohl kaum einem anderen musikalischen Genre wird eine solch erbitterte Auseinandersetzung um die Definitionshoheit geführt. Kein Schelm, wer den Verdacht hegt, dass die Kontroverse nicht zuletzt deshalb am Köcheln gehalten wird, um beide Kapellen weiter im Gespräch zu halten und ihre Umsätze zu befördern. Die sind auch in den Zeiten einer kriselnden Musikindustrie, die gezwungen ist, auf das Live-Geschäft zu setzen, einigermaßen stabil, weil die Mittelalterbands auf der Bühne ein Spektakel garantieren. Fast alle Bands aus der Szene unterstützen mit einer effektheischenden Pyrotechnik-Show oder zumindest pseudo-authentischen Kostümen ihren Vortrag.

Rückkehr des Dudelsacks

Musikalisch allerdings rückten im Laufe der Jahre bei den meisten Bands, auch bei Subway To Sally, die Dudelsäcke und Drehleiern, Geigen, Schalmeien und Flöten, die anfangs noch den Sound dominierten, immer weiter an den Rand. Aus einer Gruppe, die möglichst akkurat das Mittelalter wiederauferstehen lassen wollte, oder zumindest das, was man dafür hielt, wurde eine Heavy-Metal-Band, die Einflüsse aus keltischer Folklore ebenso verarbeitete wie eben mittelalterliche Texte und Melodien.

"Kreuzfeuer" markiert nun eine gewisse Rückbesinnung auf die Wurzeln der Band. Songs wie "Niemals" oder "Besser Du rennst" brettern zwar immer noch ganz formidabel, aber "Krähenkönig" und "Versteckt" werden bestimmt von den akustischen Instrumenten. In Liedern wie "Die Jagd" oder "Angelus" nehmen die Dudelsäcke wieder einen größeren Raum ein als zuletzt gewohnt.

Sie haben sich zwar vor Jahren ausdrücklich von mittelalterlichen Originaltexten verabschiedet, aber immer noch liefert Gitarrist und Songschreiber Michael "Bodenski" Boden, ein studierter Germanist, soliden Eskapismus und bleischwere Romantik: Da stürzt das Blut und toben die Stürme, ist von Kriegern die Rede und von Magiern und Hexen. Das alles singt der ursprünglich einmal als Erich Hecht geborene Eric Fish, je nach Standpunkt, angemessen weihevoll oder blutrünstig. Auch daran wird man sich gewöhnen müssen: Subway To Sally sind angekommen.

Subway To Sally: "Kreuzfeuer" (Nuclear Blast/ Warner); Konzerte: 16.4. Bielefeld, 17.4. Wilhelmshaven, 18.4. Siegen, 19.4. Köln, 21.4. Stuttgart, 23.4. Frankfurt/Neu-Isenburg, 24.4. Nürnberg, 26.4. München, 28.4. Berlin, 29.4. Hamburg, 30.4. Würzburg.

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