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Neue Musik: Mosaiksteine alter Meister

Das MusikFest Berlin richtet zum Auftakt den Fokus auf Hector Berlioz, Luciano Berio und Pierre Boulez. Das Publikum in der Berliner Philharmonie würdigt die Aufführung mit anhaltendem Beifall.

        

Susanna Mälkki.
Susanna Mälkki.
Foto: aymeric warmé-janville

Der Komponist war ein Kind, da hatte dieses Kind einen Traum. Es wollte die Weltmeere überqueren, als Kapitän seines eigenen Schiffes. Der Traum blieb, was er war. Doch wenn man, um das Bild weiter zu bemühen, die mannigfaltigen, beileibe nicht ausschließlich musikalischen Strömungen betrachtet, die im Oeuvre des 2003 verstorbenen italienischen Komponisten Luciano Berio zusammen treffen, dann ließe sich der Kindheitstraum doch noch in Realität transferieren. Unter den bedeutenden Tonsetzern des 20. Jahrhunderts zählt Berio gewiss zu denjenigen, die Globalisierung als eine positive Eigenschaft von Akkulturation verstanden und in ihre Stücke implementiert haben.

Wer mag, kann es auch die Kunst der Übermalung nennen, der eklektischen Aneignung bereits bestehenden, fremden Materials. Allein, Berio war, wie es seine lebenden Kollegen Dieter Schnebel, Hans Zender und Wolfgang Rihm sind, nicht nur beflissen in dieser Kunst, sondern auch höchst bewandert. Besonders deutlich tritt dies in seiner Leonard Bernstein gewidmeten „Sinfonia“ für acht Singstimmen und Orchester von 1968 zutage, mit der am Freitagabend das MusikFest Berlin 2010 in einer brillanten Wiedergabe durch das London Symphony Orchestra unter Daniel Harding eröffnet wurde.

Mit spielerischer, jedoch in ihrer Seriosität nicht zu unterschätzenden Virtuosität verflicht der Connaisseur Berio in diesem fünfsätzigen Werk Mosaiksteine aus der Literatur (Beckett, Lévi-Strauss), der Musikgeschichte (vor allem Mahlers zweite Symphonie), der Politik (Martin Luther Kings Ermordung), und der Geschichte (ein Indianer-Mythos) zu einem klingenden Zeichensystem von irisierender wie irritierender Vielfalt.

Musik diffundiert, zerstreut sich, wandelt auf Abwegen, kehrt wieder um, weiß scheinbar nicht weiter, findet neue Ideen, Ansätze, paraphrasiert andere Musik, irrlichtert darin umher. Sprache mischt sich ein, kommentiert das musikalische Geschehen, unterläuft dessen Bewegungen, konterkariert sie, fügt ihnen mal mehr, mal weniger Sinnvolles hinzu, taucht wieder unter, murmelnd, brummelnd, löst sich auf.

Was dieses Stück verändert, ist die Situation, in die sich der Hörer versetzt sieht. Passives Genießen ist nicht gestattet. Wer es tut, versteht nichts oder zumindest nur sehr wenig. Berio zwingt uns, das Verstehen zu üben, gerade dadurch, dass die „Sinfonia“ sich so enigmatisch gibt, er will uns mit ins Boot holen, unsere schöpferischen Impulse, die in jedem Menschen wohnen, aktivieren. Ein Sinn von Kunst ist damit ins Feld geführt.

Ein anderer liegt in der Musik selbst. Wie zum Beispiel in Hector Berlioz’ Symphonie in vier Teilen mit Solo-Bratsche „Harold en Italie“, die nach der Pause erklang, in einer beeindruckend vitalen Deutung (mit einer himmlisch guten Tabea Zimmermann). Ein musikalisches Tagebuch, dem man Unrecht zufügte, betrachtete man es klingende Übersetzung von Byrons „Childe Harold’s Pilgerfahrt“. Das literarische Werk bildet lediglich jene Folie der Inspiration, die dem Komponisten Berlioz nötig erschien, um seine eigene Erfahrungswelt mit einem Fundament auszulegen, sprich: Das Programm wird sichtbar, aber die Musik selbst stülpt ihr eigenes Programm darüber. Was daraus resultiert, ist pandämonisches, wollüstig wucherndes Welttheater.

Die Sonne, das Wasser

Bei Pierre Boulez verwandelt sich dies in hochgradig komplexe, streng organisierte Intensität; beredter Beleg ist die erste Klaviersonate, die Pierre-Laurent Aimard mit größtmöglicher Prägnanz ausstattete. Im Falle von „Le Soleil des eaux“ von 1948 fügt sich der Intensität und Ordnung ein hohes Maß an Intimität hinzu. Der Klang ist delikat, zugleich schrundig, nimmt sich zurück gegen das Wort, gegen René Chars der Realität abtrünnigen Text, um ihm zugleich spitzkantiges Antiphon zu sein. Wo Berlioz, wie Berio, Kolorit einsetzt, um Wirkung zu erzielen, verficht Boulez die Vielfalt der Valeurs. Expansion bedeutet bei ihm immer auch Verästelung und Verdichtung. Die feinnervige Interpretation durch Laura Aikin (Sopran), das SWR Vokalensemble und das SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg unter der Leitung von Susanna Mälkki zeigt dieses Gebändigte, Korsettierte des Materials.

„Le Visage nuptial“ von 1946, das in der revidierten Version von 1989 erklingt, greift dagegen weiter aus. In seiner Opulenz erinnert es ein wenig an die Idiomatik Messiaens. Chars malerisch-surreale Dichtung wird überwölbt von klanglicher Exzentrik; der Gesang der beiden Solistinnen Laura Aikin und Lani Poulson sowie der Damen vom Rias Kammerchor und NDR Chor sieht sich eingebunden in den Klangkosmos, ist Teil einer größeren Idee. Das Publikum in der Berliner Philharmonie würdigt eine konzentrierte Aufführung mit anhaltendem Beifall. Ein gelungener Auftakt für das MusikFest Berlin 2010.

Musikfest Berlin, bis 22. September www.musikfest-berlin.de

Autor:  Jürgen Otten
Datum:  5 | 9 | 2010
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