Im weitläufigen Wohnzimmer, auf dem schweren Eichentisch, liegt das Mahnmal eines erfolgreichen Berufslebens. Im dunklen Schuber schlummern noch "Tinnitus und Gehörschäden", CD und Begleitbuch, und warten darauf, die Selbstheilungskräfte von Thomas Koch aktivieren zu dürfen. Seit dem vergangenen Herbst plagt ihn ein Schaden im rechten Innenohr. Heute trägt er bereits am frühen Nachmittag seine maßgefertigten Ohrenstöpsel. Etwas, was er hinter dem DJ-Pult lange Zeit nicht getan hat. "Jetzt wünschte ich mir, ich hätte", lächelt er, "aber 23 Jahre lang hatte ich nie das kleinste Problem."
Bisweilen verschwitzter Sex
23 Jahre, in denen Thomas Koch nicht nur als DJ T. immer gut im Geschäft war, sondern auch eines der renommiertesten deutschen Labels betrieb, einen der der beliebtesten Clubs eröffnete, eines der wichtigsten Magazine für elektronische Musik gründete und ganz nebenbei zum Vordenker der deutschen Techno-Szene avancierte. Am 30. Juni wird der Tanzboden-Impresario nun 40 Jahre alt und feiert das mit einem neuen Album.
Dieses Album, "The Inner Jukebox", fasst diese 23 Jahre in gewisser Weise zusammen. Zwar hat Koch seine Tracks so programmiert, dass sie "ganz im Hier und Jetzt sind". Andererseits aber sieht Koch sein Album auch als "eine Verbeugung, eine Hommage an House und Techno aus den Neunzigern".
Deshalb stampft "The Inner Jukebox" nicht, sondern schlendert eher fingerschnippend dahin. Man kann durch das trockene Klackern der Elektronik hindurch Lateinamerika hören, manchmal auch Afrika. Systematisch ringt Koch den Maschinen einen bisweilen sogar verschwitzten Sex ab.
Das mag daran liegen, dass der gebürtige Düsseldorfer erst seit vier Jahren in Berlin wohnt, wo einst das berühmt-berüchtigte Techno-Brett erfunden wurde. Musikalisch sozialisiert jedoch wurde Koch in Frankfurt: Dort, wo man mit GIs feierte, und der Soul immer etwas wichtiger war als der Rhythmus der Apparate.
Dort, wo Koch Mitte der 1980er begann aufzulegen, wo er 1989 das Magazin Groove begründete, und zehn Jahre später den Club Monza. Das dauernde "Multi-Tasking" forderte seinen Preis: Ein Achillessehnenriss, doppelter Bandscheibenvorfall, Sehnenscheidenentzündungen.
Das Magazin und den Club hat Koch inzwischen zwar aufgegeben. Unter der Woche aber kümmert er sich weiterhin um seine drei Labels, von denen Get Physical 2005 vom englischen DJ Mag zum Label des Jahres gewählt wurde. Dort erscheinen immer noch Tracks, die die Nächte in den Clubs bestimmen. Am Wochenende ist Koch dann selbst unterwegs, gerne auch mal anderen Clubs. Dort legt er mittlerweile auf "für Leute, deren biologischer Vater ich sein könnte". Ein Umstand, der ihm ausdrücklich egal ist. Nur wundern tut er sich, wenn er kurz überschlägt, dass er nun schon schätzungsweise "sechs oder sieben dieser zwar kurzen, aber heftigen Nachtleben-Generationen überdauert hat".
Ungesagtes aus dem Nachtleben
So hält er weiter fest an der Liebe zu einer Kultur, die er mitbestimmt hat wie kaum ein anderer im Land. Eine Kultur, die, findet er, lebendig ist wie lange nicht mehr. Und die schließlich etwas erreicht habe. "Die Gesellschaft hat sich verändert - auch wenn jeder anders und auf seine Weise mit den Erfahrungen umgeht."
Seine Erfahrungen will er schon länger verarbeiten. Seit Koch vor fünf Jahren die Leitung des Groove abgab - als der Piranha-Verlag das Magazin übernahm -, vermisst er das Schreiben. Schon seit zehn Jahren plant er "was Belletristisches" über "die vielen Dinge, die noch ungesagt sind aus diesem riesigen Kosmos Nachtleben".
Dieses Projekt liegt vorerst weiter auf Eis, weil - natürlich - die Zeit fehlt im hektischen Leben des Thomas Koch. Immerhin hat er es geschafft, für die alten Kollegen von der Groove mal wieder einen Text zu schreiben. 20 Jahre Techno war das Thema. Und er, der Experte. Der Museumsdirektor, der Einblick gewährt in sein Fachgebiet. Es war ein seltsames Gefühl, sagt er, aber mit allen anderen Folgen eines Lebens für die Feier werden demnächst die körpereigenen Selbstheilungskräfte betraut.
Live: 5.7. Berlin, 18.7. Hamburg, 26.7. Köln, 15.8. München.
DJ T.:
"The Inner
Jukebox".
Get Physical/RTD.