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Musik aus Norwegen: Nervöse Meditationen

Frisch aus Norwegen: Musik von Trygve Seim, Frode Haltli und Arve Henriksen.

Das norwegische Musikwunder hält an, und es ist nicht unbeträchtlich, wenn man bedenkt, dass dieses Land, ohne dessen Musiker kein europäisches Jazzfestival derzeit auskommen mag, gerade mal so viele Einwohner hat wie Hamburg und Berlin zusammen. Jan Garbarek und Terje Rypdal als Szenen-Senioren spielen dabei eine bedeutende Rolle, Manfred Eichers ECM natürlich sowieso, und nicht zu vergessen Jan Erik Kongshaug und sein Studio in Oslo.

Was in Norwegen erfunden und via ECM über die ganze Welt verbreitet wurde, ist eine zutiefst europäische, elaborierte und klanglich behutsam vorgehende Variante des Jazz oder, wenn man mit diesem einst in Lyon geprägten Begriff etwas anfangen mag, der imaginären Folklore, manchmal in der Kunstmusik des Nordens wurzelnd, manchmal in der Volksmusik. Wobei diese beiden musikalischen Pole weniger weit voneinander entfernt sind als man das hier zu Lande vermuten würde. Man kann das daran erkennen, dass Musiker beider Szenen immer wieder in den Bands der anderen Fraktion auftauchen.

Zum Beispiel die Sängerin Anna Maria Friman auf Arve Henriksens "Cartography". Die CD enthält vor allem Produkte der Zusammenarbeit des Trompeters Henriksen mit dem Elektroniker Jan Bang. Beider musikalische Produktionsweisen passen auf ganz überraschende Weise zueinander. Henriksen nimmt seiner Trompete oft jeglichen metallischen Klang und macht aus ihr ein unspezifisches Blasinstrument, das mal an eine Shakuhatchi erinnern, mal an ein Horn oder eine Oboe, und seine Phrasierung ist keine Jazztrompeter-Phrasierung. Er lässt sich weit hinaus tragen, hält das metrische Fundament elastisch und meist implizit, singt zuweilen auch und klingt mehrdeutig und rätselhaft.

Jan Bang, der elektronische Bearbeiter, setzt keine Eindeutigkeiten daneben, allenfalls Kontraste und kleine, schnelle Einsprengsel, so dass nicht alles in eine Richtung läuft, sondern einen leicht nervösen Untergrund bekommt. So erhält die Musik zu ihrem meditativen Grundton ein Spannungsmoment, die sie mit der Nervosität der Gegenwart verbindet. Die profilierten Beiträge von Gastmusikern (die erwähnte Anna Maria Friman vom Ensemble Mediaeval oder der Gitarrist Eivind Aarset) lüften manchmal die Decke des weiten Klangdoms und geben der Musik einen anderen Horizont.

Mit Horizonten hat auch Trygve Seim zu tun. Er ist ein Freund verhauchender, weicher oder aufgerauter Klänge, die zuweilen die Frage aufwerfen, ob sie wirklich aus seinem Tenorsaxofon kommen. Von seiner Arbeitsweise her ist er ein Kunstmusiker mit folkloristischen Seiten und ganz am Rande auch Jazzmusiker. Sein Partner Frode Haltli am Akkordeon erdet die Musik freundlich, aber er spielt keine bodenständige Quetschkommode, sondern pflegt ein überaus artifizielles Idiom, das sich immer wieder seine Legitimation bei altertümlichen Tanzbodensounds holt. Die Duo-Platte der beiden nimmt sich genug Zeit für alles.

Arve Henriksen, Jan Bang:

Cartography. ECM

Trygve Seim, Frode Haltli: Yeraz. ECM

Autor:  HANS-JÜRGEN LINKE
Datum:  15 | 11 | 2008
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