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Musik: Die schwarzen Punkte an den Abgründen der Romantik

Carolin Widmann und Dénes Várjon spielen Schumanns Violinsonaten.

Nachdem in der älteren Musik im Zuge einer immer differenzierteren historisch informierten Aufführungspraxis kaum noch ein konventioneller Stein auf dem anderen geblieben ist, ist jetzt das 19. Jahrhundert an der Reihe, das uns so täuschend vertraut ist, weil es die Konzertprogramme dominiert.

Dabei ist das gegenwärtige Wissen darüber, wie Musik der Romantik zu ihrer Zeit geklungen hat und gemeint gewesen sein mag, geringer als über die des 18. Jahrhunderts. So ist die Aufnahme der drei Violinsonaten von Robert Schumann, die Carolin Widmann mit dem Pianisten Dénes Várjon eingespielt hat, ein anregender Beitrag zu einer Debatte, die gerade in Gang kommt.

Die CD

Carolin Widmann / Dénes Várjon: Robert Schumann, The Violin Sonatas. ECM New Series 4766744.

Gleichwohl ist die CD nicht als Diskussionsbeitrag gemeint, eher als persönliche und radikale, dabei äußerst genaue Stellungnahme zu Schumann. Widmann und Várjon missachten auf manchmal gewagte Weise einen guten Teil dessen, was man über deutsche Romantik zu wissen glaubte. Sie sprechen dem, was Schwarz auf Weiß da liegt, kanonische Bedeutung ab und gehen die Sache mit ernsthaften philologischen Erwägungen neu an. "Vielleicht ist Schumann tatsächlich der Komponist, bei dem die schwarzen Punkte auf weißem Papier am wenigsten dem entsprechen, was eigentlich gesagt werden soll", meint Carolin Widmann.

So missachten sie Taktstriche und den alten Brauch gleichmäßiger Tempi, spielen leidenschaftlich und eruptiv aufeinander zu und übereinander her und muten sich ein ums andere Mal Überraschungen zu. Várjon eröffnet agogische Bewegungsräume und definiert sie mit dem harmonischen Mobiliar, Widmann sucht klanglich Profile und findet dabei einen Mikrokosmos an Phrasierungen und Variationen.

In ihrer Spielhaltung mischen sich Zurückhaltung (von Dramabögen, Gefälligkeitsspiel und Virtuosengestus) und die Betonung eines ausdruckssüchtigen Individualismus, und sie trifft - oder produziert? - damit einen Gestus, der die Hörer an Abgründe führt, die diese Musik sonst meist verbirgt.

Es kommt also darauf an, nicht nur das marktgängige edle Gefühl und die handelsübliche Steigerungsdramatik als Essenz der Romantik zu formulieren, sondern auch die Verlorenheit, Fahrigkeit, die Schroff- und Unzufriedenheit und die Verzweiflung, die in dieser Musik mitgestaltet sind. Erst im Kontrast bekommen romantischer Feinsinn und formale Konventionen ihre Leuchtkraft, ihre Beharrungswerte.

Die Schumann-Interpretationen, die Widmann und Várjon hier vorschlagen, stecken voller Intensität und genügen jedem emphatischen Begriff von Romantik. Es gibt gute Gründe, die Sache so zu sehen - und eben nicht Musik als biedermeierliches Ritual zu inszenieren. Es ist gerade das Unabgesicherte, das hier fasziniert und eine Unruhe ausstrahlt, die ohne Richtung bleibt und universal wird, indem sie sich immer wieder nach innen zu wenden scheint.

Bliebe anzumerken, dass dieser möglicherweise spekulativen Interpretation eine intensive Auseinandersetzung mit Notentexten und anderen wichtigen Tatsachen aus Schumanns Leben vorausgegangen ist. Denn das scheinbar Ungeschützte lässt sich für gewissenhafte Interpreten nur ertragen (und herstellen), wenn es sich auf Gewusstes stützen kann.

Autor:  HANS-JÜRGEN LINKE
Datum:  24 | 10 | 2008
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