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Musik: Melancholie, in der fast schon Hoffnung steckt

Die Tonlage ist nicht mehr verzweifelt und der Humor leichter: Das neue Album von Lambchop. Von Thomas Winkler

Lambchop: OH (Ohio),   City-slang / Universal.
Lambchop: "OH (Ohio)", City-slang / Universal.
Foto: Label

Die Blätter verfärben sich braun, die Äpfel plumpsen von den Bäumen und Christoph Schlingensief ist wieder da. Nun erfahren wir, mal im hysterischen Kreischen der Boulevardpresse, mal im sonoren Sound des Feuilleton-TV, aber auch in einigen Selbstzeugnissen, was die Kunst mit dem Tod und Lungenkrebs mit Richard Wagner zu tun hat.

Von einem anderen Wagner, Kurt mit Vornamen, wohnhaft in Nashville, lässt sich dieser Tage lernen, wie man dahin kommt, dass das Leben wieder zum Alltag wird, selbst wenn man es beinahe einmal verloren hätte. Auf "OH (Ohio)", dem zehnten Studio-Album seiner Band Lambchop, verarbeitet Kurt Wagner, wenn man so will, seine Verarbeitung eines Kampfes mit einer gefährlichen Krankheit erneut.

Lambchop

Live23.10. Nürnberg, 27.10. Frankfurt, 7.11. Dortmund, 9.11. München, 10.11. Heidelberg, 12.11. Dresden, 13.11. Leipzig, 15.11. Berlin, 16.11. Hamburg.

Die CD: Lambchop: "OH (Ohio)", City-slang / Universal.

Die Band um den Sänger und Songschreiber Kurt Wagner (mit Mütze) spielt eine Mixtur aus Country, Folk und Rockmusik mit ganz viel Soul.
Die Band um den Sänger und Songschreiber Kurt Wagner (mit Mütze) spielt eine Mixtur aus Country, Folk und Rockmusik mit ganz viel Soul.
Foto: dpa

Die erste künstlerische Auseinandersetzung mit dem Tod war Wagners Lambchop-Platte "Damaged" von 2006. Er verweigert bis heute genauere Auskünfte über sein Leiden, dem Vernehmen nach ebenfalls Krebs. Das Ergebnis war kein Spektakel voller Anklagen und Gottesverwünschungen, sondern ein stilles Nachdenken, ein leicht erstauntes, aber vor allem müdes Herausarbeiten aus dem eigenen Elend, Trauerarbeit eben, aber in wohlklingender Form.

Im Vergleich dazu - und zu den meisten vorhergegangen Arbeiten von Lambchop - wirkt "OH (Ohio)" nachgerade euphorisch. Das Tempo ist zwar immer noch eher bedächtig, aber die Tonlage nicht mehr grundsätzlich verzweifelt. Wo Trauer war, regiert nun eine genüssliche und deshalb schon fast wieder hoffnungsvolle Melancholie. Wagner scheint seinen Frieden mit dem Allmächtigen gemacht zu haben: "I'm ready for my close up with the Lord", singt er.

Es wird offensichtlich, dass Wagner, der am 5. Oktober 50 Jahre alt wird, sein Leben wieder umarmt. Sein Humor, der früher oft verzweifelt schien, ist leichter geworden. Die Musik, vor allem das ihn lange belastende Frontman-Dasein, ist ihm keine Pflicht mehr, sondern ein Fluchtraum geworden, ein Asyl vor all den bösen Gedanken: "Perhaps this singing is a refuge / From other equally uncomfortable thoughts", heißt es in "National Talk Like A Pirate Day", dem heitersten Song des Albums.

Wie viele Menschen, die dem Tod noch mal von der Schippe gehüpft sind, hat auch der ehemals als Fußbodenverleger jobbende Wagner begonnen, sich zu konzentrieren auf das, was ihm wichtig ist. Das Lambchop-Kollektiv, das für die Aufnahmen zu "Damaged" noch bis zu 17 Musikanten umfasste und sich scheinbar die endgültige Entschleunigung von Country zum Ziel gesetzt hatte, gehört nun der Vergangenheit an. In den vergangenen Jahren ist so etwas wie eine Band entstanden.

Die Folge: Die Ausflüge in fremde Sound-Welten, der Soul von "Nixon" oder die kruden Experimente von "AWCMN/NYCMN" sind nicht mehr, genauso wie die Streicher und Saxofone. Aber auch das verbliebene Sextett ist trotz seiner klassischen Besetzung mit Gitarre und Piano, Bass und Schlagzeug in der Lage, ganz herzallerliebst so zarte Tönchen hinzuhuschen, dass einem ganz schummrig im Kopf wird.

Kurt Wagner hat vor mehr als einem Jahrzehnt, lange bevor ihn die Krankheit beutelte, einmal gesagt, es gehe beim Musikmachen doch vor allem darum, "in Würde zu altern". Heute, das hört man "OH (Ohio)" an, weiß er wohl, dass das ein Ansinnen ist, das nur von der eigenen Jugend verblendeten Menschen zusteht. Heute macht Kurt Wagner Musik, in der es vor allem um Demut geht. Um die Dankbarkeit, das Leben wieder leben zu dürfen.

Autor:  THOMAS WINKLER
Datum:  2 | 10 | 2008
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