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Musik: Sehnsucht nach quer

Musik, die etwas will - es aber nicht immer findet: Takte mit und ohne Gewissheiten beim Wiesbadener Just Music Festival.

Am Anfang herrscht Uneinigkeit. Ist diese inwendige Musik, die Joe Fiedler mit seinem Trio ersinnt, dieses filigrane Ineinander aus drei zurückhaltenden Einzelstimmen, nicht doch zu weich, zu geschmackvoll arrangiert? Ist das Konzept, ganz auf äußere Sensationen zu verzichten und nicht einmal die Stille radikal auszuloten, nicht eigentlich zu harmlos für ein Festival, das ja für sich reklamiert: Hier solle Musik verhandelt werden, die etwas wolle? Oder ist - umgekehrt - die sorgsame Präzision, mit der diese drei Musiker zu Werke gehen, eine derart beeindruckende Qualität, dass sich alle Fragen von selbst erledigen?

Im Kulturforum Friedrichstraße in Wiesbaden, zu Beginn des diesjährigen Just-Music-Festivals, jedenfalls herrscht gespannte Offenheit. Man hört Fiedler zu, man registriert die kleinen Ausschläge, die sein Spiel kennzeichnen. Der amerikanische Posaunist spielt Stücke von Albert Mangelsdorff, und ein bisschen wundert man sich, wie Fiedler ihn in einen Klassiker verwandelt, wie er ihm alles Bilderstürmerische, Aufrührerische nimmt. Im Gegenzug aber erhält Mangelsdorff einen ungemein feinen Klangsinn, in dem auch Sehnsucht zu hören ist nicht nur nach etwas Unberührtem, sondern auch nach Wärme.

Fiedler hat für seine Sondierungen wunderbare Musiker neben sich. John Herbert spielt einen kleinen Kontrabass, der höchstens halbe Größe hat, weil auch ihm alles Große, Laute zuwider ist. Und Eric McPherson bringt am Schlagzeug zudem eine Eleganz ins Spiel, auf die der ganze Mainstream-Jazz neidisch sein müsste, der gerade weltweit Erfolge feiert.

Gegen den guten Geschmack

Das Quartetto Pazzo, spät am Abend, will mit all dem nichts zu tun haben. Seine Musik kümmert sich nicht um einen fein ausgewogenen, verbindlichen Ton und schon gar nicht um austarierten Klangsinn. Christof Thewes, Rudi Mahall, Henning Sieverts und Dirk Peter Kölsch spielen gegen den guten Geschmack an, Abbrüche sind typisch für ihre Musik, die sich nach Querständen sehnt und nicht nach Schönheit oder Wärme.

Schnell kommt die Musik daher, immer ist sie in Bewegung, auf dem Sprung. Man könnte auch sagen: Nur nicht stehen bleiben, keine Aussage wagen, immer weiter. Wie so oft hat eben auch das anarchische Vergnügen seine Kehrseite. Und doch: um halb Zwölf, nach fast vier Stunden Musik, fühlt man sich bei Thewes und Mahall in den besten Händen.

Dazwischen enttäuscht Marilyn Crispell. Die ganze Aufmerksamkeit vorab biss sich an ihr fest, ihre Konzerte sind so rar, dass jedes ein Ereignis ist. Und eine schöne Minute lang erfüllt sie all die Erwartungen, die auf ihr lasten. Einem einzelnen Ton hört sie lange beim Verklingen zu, danach sucht sie nach einer Richtung, nach einem Klang, der belastbar ist für eine Stunde Soloklavier. Ein paar Takte ganz ohne Gewissheiten.

Dann aber kommt sie plötzlich in Fahrt, rast die Tasten rauf und runter und vergisst völlig, irgendwann auch wieder mal inne zu halten. Ihr Spiel wirkt extrem pianistisch, manches verläuft sich ins Etüdenhafte, Manierierte, mithin auch Routinierte. Crispell, die den Jazz sonst immer mit den Ideen der Neue Musik kurzschließt, dreht virtuose Kreise dreht um ein Zentrum, das es gar nicht gibt.

Geklimper, sagt dann auch einer, der sie früher sehr mochte. Noch in der Enttäuschung bleibt die Fallhöhe greifbar, auf der sich eine Musikerin wie Marilyn Crispell bewegt.

Autor:  TIM GORBAUCH
Datum:  25 | 11 | 2008
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