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Musik: Teufels- und Beamten-Tänze

Die Freiburger Oper bringt den Leibhaftigen doppelt auf die Bühne, mit Kagel und Weber. Von Georg Rudiger

Thema dieser musikszenischen Komposition ist die Figur des Teufels, seine Eigenschaften und Mythologien, Erscheinungen und Verwandlungskünste", schrieb Mauricio Kagel über sein 1983 in Paris uraufgeführtes Musikepos "Der mündliche Verrat".

Auch Carl Maria von Webers "Freischütz" handelt vom Teufel, von Verwandlung und Verführung, Mythen und Märchen. In der ersten romantischen Oper geht es um nationale Befindlichkeiten, um den Wald und die Jagd, um romantische Entgrenzung und den Schauder des Irrationalen. Kagel hatte sich in seiner Liedoper "Aus Deutschland" mit ähnlichem beschäftigt.

Aufführungen

Theater Freiburg: Freischütz am 19., 23. Oktober - kombiniert mit "Der mündliche Verrat" am: 3., 25. und 31. Oktober. www.theater.freiburg.de

Das Freiburger Theater hat nun seine Opernspielzeit mit einer grandiosen Doppelpremiere der beiden Stücke eröffnet und damit seine künstlerischen Ambitionen untermauert. Mit bösem Kagelschen Humor, analytischem Blick und Spielfreude stellt sich Regisseur Uli Jäckle dem "Freischütz", zerlegt die mit Tracht und Tradition schwer beladene Oper, montiert sie klug wieder zusammen und brilliert gerade auch in den Massenszenen.

Die züchtig gekleideten, streng frisierten Choristen (Kostüme: Elena Anatolevna) tragen wichtig Aktenkoffer spazieren. Und formieren sich beim Preisschießen zu einer absurden Macarena, deren Bewegungen aus Verlegenheitsgesten gebildet werden. Beim strahlkräftig intonierten Jägerchor kehrt das Tänzlein wieder - und erzählt viel über diese spießige, fremdgesteuerte Beamtengesellschaft, mit der es der Jägersbursche Max zu tun hat.

Ein Wald ist im Freiburger Theater nicht zu sehen - nur multifunktionale Schränke, die von den Akteuren in immer neue Positionen gefahren werden (Bühne: Thomas Rump). Mal sind sie zu Bergen getürmt, mal stehen sie vereinzelt wie Bäume auf der Bühne. Ein Schrank kann als häusliches Gefängnis für Agathe dienen oder auch als Klavier, wie bei Kaspars virtuos inszeniertem Trinklied "Hier im irdschen Jammertal".

Die Bilder lassen Raum für die Musik. Der neue Generalmusikdirektor Fabrice Bollon pflegt einen etwas gröberen Pinselstrich als sein Vorgänger Gerhard Markson. Der dramatisch aufgeraute Orchesterklang hat Ecken und Kanten. In der Wolfsschlucht-Szene fackelt das Philharmonische Orchester Freiburg ein solches Feuerwerk an lautmalerischen Klängen ab, dass sich das Grauen von der Musik her entfaltet.

Das Herz von Jäckles Inszenierung sind die drei von Schauspielern dargestellten Doppelgänger von Max (Benjamin Höppner), Kaspar (Konrad Singer) und Agathe (Charlotte Müller). Die Oper wird zu einer psychologischen Studie, die humorvoll, aber auch erschütternd die Beziehungen zwischen den drei Protagonisten ausleuchtet.

Als Agathe (mit edlem Sopran: Sigrun Schell) im letzten Akt weit entrückt über dem Geschehen thront und die Schleppe ihres Brautkleides die gesamte Bühne bedeckt, krabbelt zunächst Ännchen (fein und beweglich: Lini Gong) für ihre Gespensterromanze "Einst träumte meiner selgen Base" hervor, ehe man merkt, dass auch Kaspar unter Agathes Rock geschlüpft ist.

Beim großen Happy-end feiern nur noch die Sänger, während ihre drei Doppelgänger tot am Boden liegen und auf die ursprüngliche, tragische Fassung des Stoffs verweisen. Gunnar Gudbjörnsson singt den Max mit Strahlkraft und hellem Timbre, jedoch wenig geschmeidig. Die Entdeckung der Premiere ist der junge Selcuk Cara, der den Kaspar mit seinem so bedrohlichen wie beweglichen Bass und enormer Präsenz zu einem wahrlich diabolischen Verführer macht.

Nach kurzer Umbaupause geht es am späten Abend in die zweite Runde. Die Verbindung bilden die drei furiosen Schauspieler Benjamin Höppner, Konrad Singer und Charlotte Müller, die die von Kagel ausgewählten Teufelstexte singen, flüstern, kreischen, brüllen, tanzen.

Die Wörter werden von den sieben Instrumentalisten im Orchestergraben in den 42 Charakterstücken geräuschhaft verstärkt, sanft gebettet oder rhythmisch gehärtet: Skurrile Teufelsgeschichten von verwandelten Tieren und glühenden Augen, die eher zum Lachen als zum Fürchten sind. Marcus Lobbes bespielt das ganze Haus, von der Hinterbühne bis zu den Rängen.

Auch wenn die Textverständlichkeit nicht immer optimal ist, und Fabrice Bollon das Instrumentalensemble gelegentlich zu dominant werden lässt, werden Kagels fragmenthafte, skurrile Teufelsvariationen heftig beklatscht. "Rettet den deutschen Wald" ist am Ende zu lesen - dagegen hätte sicherlich auch Carl Maria von Weber nichts einzuwenden.

Autor:  GEORG RUDIGER
Datum:  1 | 10 | 2008
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