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Musik von Goldfrapp: Ins Hintertreffen geraten

Neuigkeiten aus der ewig-alten Referenzhölle: Goldfrapps neues Album "Head First" bietet Reflektionsfläche für alle Projektionen als irreales Amalgam aus Reinheit und Verführung. Von Thomas Winkler

Amalgam aus Reinheit und Verführung, KÜnstlichkeit und emotionaler Authentizität: Alison Goldfrapp.
Amalgam aus Reinheit und Verführung, KÜnstlichkeit und emotionaler Authentizität: Alison Goldfrapp.
Foto: Another Dimension/Mute

Im Dezember geriet Alison Goldfrapp in die Fänge des britischen Boulevard. Enthüllt wurde die intime Beziehung zu einer gewissen Lisa Gunning. Die ist Film-Cutterin und nicht wirklich prominent, aber eine Frau. Grund für die Yellow Press, die nun plötzlich lesbische Sängerin wieder in die VIP-Ränge zu befördern.

Von dort hatte sich Alison Goldfrapp eigentlich systematisch verabschiedet. Zwar war das Projekt unter ihrem Familiennamen, das sie zusammen mit ihrem musikalischen Partner Will Gregory seit nun schon elf Jahren betreibt, immer sehr erfolgreich, doch der 43-Jährigen war es mit wohl dosierter Widerborstigkeit und einem gerüttelt Maß an Verweigerung gelungen, die üblichen und in Großbritannien besonders hemmungslosen Mechanismen des sogenannten People-Journalismus auszuhebeln.

Ihre Musik aber funktionierte stets kontradiktorisch. Im real existierenden Unterhaltungsgeschäft mag Alison Goldfrapp ihre Rolle als Popstar demonstrativ ablehnen, in der eigenen Musik dagegen füllt sie sie geradezu genüsslich aus. Und das wohl niemals zuvor so demonstrativ wie auf "Head First", dem fünften Album von Goldfrapp.

Das beginnt mit dem Cover, auf dem ihr makelloses Gesicht, transparent und körperlos, aber um die Augen dunkel gefärbt, vor einem mit Wolken verzierten blauen Himmel schwebt. Eine unwirkliche Szenerie, in der sich der Popstar inszeniert als Sehnsuchtsort, als Reflektionsfläche für alle Projektionen, als irreales Amalgam aus Reinheit und Verführung, Künstlichkeit und emotionaler Authentizität, Nähe und Überhöhung.

Zwischen diesen Extremen pendelt auch ihre Musik. Nach ihrem Debutalbum "Felt Mountain" aus dem Jahr 2000, das noch von düsteren Soundlandschaften voller Streicher und einem eher cinematografischen Anspruch dominiert war, arbeiteten Goldfrapp stets an einem etwas schlüpfrigen, vor allem tanzbaren Electro-Pop. Und in diesem Rahmen auch an der Wiederaufnahme verschmähter Musiken der achtziger Jahre im Pantheon der ehrenvollen Referenzen. Mancher quäkender Synthesizer-Sound, der glücklich für alle Zeiten begraben schien, fand auf einem Goldfrapp-Album zurück in den Kanon.

Vorne: Ke$ha und La Roux

Das wurde, je nach Standpunkt, interpretiert als hoffnungslos retrospektiv oder seiner Zeit zumindest ein Revival voraus. Nun aber, im Jahr 2010, ist Goldfrapps Ansatz plötzlich, egal aus welcher Perspektive betrachtet, ins Hintertreffen geraten. Der sexuell mehrdeutige Dance-Pop, den Goldfrapp prägten, beherrscht die Hitlisten. Mit "Head First" wird nun versucht, den Rückstand auf eine Lady Gaga, aber auch auf eine Ke$ha oder La Roux aufzuholen, wieder Anschluss zu gewinnen an den Zeitgeist, an den sich anzuschmiegen eine Ellie Goulding längst bereit steht.

Wie um die junge Konkurrenz rechts zu überholen, zitieren die von Gregory programmierten Klänge hemmungslos die goldenen Zeiten des Europop in den 80ern, erstehen in der Gestalt von Alison Goldfrapp solche Figuren wie Laura Branigan oder Jennifer Rush wieder auf. Abba, die Eurythmics oder das Electric Light Orchestra werden gewürdigt und schließlich komplettieren Van Halen diese Parade der Untoten: Die erste Single "Rocket" baut auf ein Keyboard-Motiv, das unüberhörbare Ähnlichkeit zum Synthesizer-Riff aus deren Hit "Jump" aufweist. Dass der Refrain ohne schwerwiegende Englischkenntnisse verständlich ist, sichert die internationale Kompatibilität des Stücks: "Ohohoh, I´ve got a rocket/ Ohohoh, you´re going on it".

Wenn dahinter die Idee stecken sollte, den sich ewig im Kreis drehenden Kannibalismus des Pop zu entlarven, indem man seine Mechanismen besonders penetrant vorführt, dann führt dieser Plan Goldfrapp allerdings direkt in die Referenzhölle. Denn so perfekt die Popsongs von "Head First" auch konstruiert sein mögen, die Synthesizer und Sequenzer, mit denen sie instrumentiert sind, klingen billig und ausgeliehen. Und Goldfrapp wirken plötzlich nicht mehr wie das prototypische Popduo, das sie all die Jahre dargestellt haben, sondern wie eine Karikatur ihrer selbst. Wie ein Abklatsch dessen, was selbst Abklatsch ist, aber heute die Charts beherrscht.

Goldfrapp: "Head First" (Mute/ EMI)

Autor:  Thomas Winkler
Datum:  19 | 3 | 2010
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