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Musik

14. April 2008

Musik: Weltliteratur mit Drehung

 Von HANS-KLAUS JUNGHEINRICH

Giselher Klebes Altersbuffa "Chlestakows Wiederkehr" in Detmold uraufgeführt. Es handelt sich um eine gelungene Bearbeitung von Gogols "Revisor".

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Verdis Wiederkehr? Nach einer langen Vita als deutscher Opernkomponist rundet nun auch Giselher Klebe am neunten Lebensjahrzehnt sein Oeuvre mit einer Buffa. Mit der in sein neues Opernfinale integrierten Schlusssentenz "Tutto nel mondo é burla" knüpft er sogar ausdrücklich am "Falstaff" an. "Die ganze Welt ist ein Tollhaus" ergibt sich als verschärftes Resümee der (vom Komponisten selbst gefertigten) Komödienbearbeitung nach Gogols "Revisor", der Klebe auf Rat von Peter Härtling den Operntitel "Chlestakows Wiederkehr" gab.

Das Theater Detmold ist ein Haus, das duodezresidenzliche Kulturpflege und Bürgertradition mit Anmut ausstellt und sich schon in der Vergangenheit um Klebes Werke liebevoll bekümmert hat. Hier fand jetzt auch die wohlpräparierte Uraufführung statt.

"Chlestakows Wiederkehr"? - Die Pointe in Klebes Fassung besteht eben darin, dass der von den verblendeten Provinzhonoratioren als gestrenger staatlicher Aufsichtsbeamter verkannte und gehätschelte Betrüger am Schluss nicht kathartisch weggewischt wird, auf dass autoritative Ordnung wiederhergestellt sei.

Mit modern pessimistischer Gewitztheit macht Klebe den wirklichen Revisor (der im Stück nicht mehr selbst auftritt) vielmehr zum Teil des unrettbar korrupten Systems. Der hochstapelnde Chlestakow kann bei seiner Wiederkehr aufs Neue triumphieren, weil er den verängstigten Provinzlern durch seine freundlich gekonnte Vermittlung zum Revisor dienlich wird. Das Happyend enthält in sich die gesellschaftssatirisch "schlimmstmögliche Wendung" aus der Dürrenmatt-Dramaturgie.

Es hat schon etwas von handstreichartiger Eleganz, wenn Klebe der vielfach als "beste Komödie der Weltliteratur" apostrophierten Vorlage nochmals einen qualitativ entscheidenden Ruck gibt. Eine Wendung, an die Werner Egks bei seiner Vertonung vor einem halben Jahrhundert nicht gedacht hatte.

Und auch auf musikalischem Gebiet arbeitet der Autor mit leichter Hand und unprätentiöser Könnerschaft, dabei geht er ohne ein sich ausbreitendes detailmalerisches Behagen zu Werke. Fast handgreiflich gar die Angst vor Altersgeschwätzigkeit, die Selbstdisziplinierung zu Verknappung und Lakonik.

Drei handlungspralle Akte ergeben dergestalt nicht mehr als 70 Minuten (die Pause nicht gerechnet), und der Zwang zu formaler Miniatur und klangcharakteristischer Ausgespartheit lässt sogar den Eindruck von asketischer Dürre entstehen.

Diesem Falstaff hat der Wind der Zeiten das Fleisch von den Knochen gefegt. Wo ein Walzertakt schon im Entstehen gefriert und sich formierende motorische Energien ihren alsbaldigen Leerlauf reumütig erkennen, kann blühende Opernpositivität nicht zustande kommen.

Humor ist, wenn man trotzdem lacht. So schwer eine musikdramatische Humortheorie zu definieren und zu destillieren ist: Mit Intuitionen von Verweigerung und Ausgeglühtheit nähert sich Klebe mehr dieser sich entziehenden Substantialität als mit bewährt eingesetzten instrumentalkoloristischen oder vokalgrotesken Topoi.

Mit schöner Leichtigkeit, dabei geradezu choreografisch ausgefeilt, arrangierte der regieführende Intendant Kay Metzger eine virtuose Typenkomödie. Das brillante Bühnenbild von Petra Mollérus akzentuierte das im Stück mehrfach angesprochene Spiegelmotiv und ließ die handelnden Personen auf stark angeschrägter Spielfläche balancieren, taumeln und purzeln.

Mit Spiellust und begabtem Stimmvermögen agierte ein durchweg blutjunges Sängerensemble mit dem großformatig aufprotzenden Tenor Johannes Harten als Chlestakow. Dazu kam der Stadthauptmann, der in der Verkörperung von Andreas Jören in jeder Sekunde närrisch präsent war, und das hochkomische Dick-und-Doof-Frauengespann der mütterlichen Brigitte Bauma und der quirlig-nymphomanischen Tochterfigur Kirsten Höner zu Siederdissen.

Der verfinsterte kollektive Schlusstanz lenkte die Darstellung dann auf das Hintergründige des Klebe'schen Happyends. Ein paar Minuten mehr Musik wären an dieser Stelle denn doch vom Partiturschreiber erwünscht gewesen, ein kühnes Aufreißen der wohlproportionierten Beschränkung, ein Mehr an abgründig ziehendem Blei fürs altersschwerelose Federgewicht.

Landestheater Detmold, 18. und 19. April, 14. und 17. Mai.

www.landestheater-detmold.de

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