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Musik: Zu Fuß durch die Zeit

Ingo Metzmachers Pfitzner-Einspielung.

Wer könnte die deutsche Seele besser repräsentieren als der Wanderer, der, Wind und Wetter trotzend, aus wechselnder Perspektive und auf der Basis mäßiger Fortbewegungs-Geschwindigkeit reflektierend seine Weltsicht preisgibt? Die deutsche Seele war immer auf Winterreise, der Wind wehte, es wurde Morgen, Abend und Nacht, es stürmte und fror, man war einsam, Hoffnung und Lebensfreude schwanden, und am Ende wurde gestorben. So geht es in Schuberts 1827 vollendetem Liederzyklus, und genau so ist offenbar die deutsche Seele auch knapp ein Jahrhundert später noch verfasst, bei Hans Pfitzner, der 1921 die Eichendorff-Kantate "Von deutscher Seele" schrieb.

Hier beginnt ein Skandal, und dieser Skandal ist der Komponist selbst: bekennender Antisemit (obwohl er jüdischen Interpreten die Uraufführungen seiner Werke übertrug), glühender Anhänger des Nationalsozialismus (gleichwohl nie Mitglied der NSDAP) und selbst nach 1945 unbelehrbar. Die Einfärbung von Pfitzners Werk durch seine politische Existenz ist so nachhaltig, dass die Aufführung der Kantate zum Nationalfeiertag 2007 in Berlin durch Ingo Metzmacher und sein Deutsches Symphonieorchester erheblichen Diskussionsbedarf erkennen ließ.

Die CD

Hans Pfitzner: Von deutscher Seele. Ingo Metzmacher, Deutsches Symphonieorchester Berlin, Phönix Edition.

Metzmacher hat in der Debatte klar gemacht, dass er weder die Absicht habe, einen Antisemiten zu rehabilitieren noch seinem Werk eine längst verwirkte Unschuld zurück zu geben. Er wollte nur der Musik eine Chance geben, sich gegen ihren Komponisten zu behaupten.

Man muss dafür einen bedrückenden Haufen an Widersprüchlichkeit ertragen, zwischen der Erinnerung an einen Mann, der seinen als "Polenschlächter" berüchtigten Freund Hans Frank noch bis in die Nürnberger Prozesse hinein seiner Solidarität versicherte und einem Kantaten-Werk, das keinerlei Inhumanität erkennen lässt, das formbewusst und zugleich offen, sentimental und zugleich wach ist und sich im Kontext der Musik am Beginn des 20. Jahrhunderts verorten lässt. Vieles wäre einfacher, wenn Pfitzners Werk sich auf Märsche und Weltanschauung ausdünstende Kompositionen beschränkte, man hätte längst einen Haken hinter seinen Namen machen können.

Die jetzt vorliegende Doppel-CD des Deutschen Symphonieorchesters und des Rundfunkchores Berlin aber zeigt prägnant, wie Ingo Metzmacher auf diesen Musiker zurückblickt. Das Stück ist ein Lieder-Zyklus nach Texten von Joseph von Eichendorff mit orchestralen Zwischenspielen, tief romantisch und mit dem irritierten Formbewusstsein des Nachgeborenen. Pfitzner erscheint als Komponist des 19. Jahrhunderts, dem seine Epoche unter den Füßen weggerutscht ist, als Romantiker, der aus der Zeit gefallen ist und sich mit erheblicher Anstrengung um eine heile Welt bemüht.

Die Vehemenz, mit der er sich in Tonalität und rhythmischer Gestaltung aus dem 19. Jahrhundert gelöst und der heraufziehenden Moderne anverwandelt hat, verweist auf ein tiefes Selbstmissverständnis Pfitzners. Er ist musikalisch kaum weniger modern als beispielsweise Korngold, nur dass er seine kompositorischen Kompetenzen in den Dienst einer Auffassung von Romantik stellt, die eher zum Verleugnen tendiert: Dass ausgerechnet ein Eichendorffscher Wanderer, ein Fußgänger in der Natur, im Leben und in der Zeit, die deutsche Seele nach dem Zweiten Weltkrieg und der Novemberrevolution repräsentieren könnte, ist aus heutiger Sicht genauso wenig verständlich wie der Umstand, dass der deutsche Kaiser gerade sieben Jahre zuvor die Weltkriegs-Mobilmachung mit der Formulierung befahl, man drücke ihm nun das Schwert in die Hand. Nicht einmal die Dicke Berta hat die deutsche Seele aus ihrem Mittelalter wecken können.

Und da haben wir diese Musik, gespielt und gesungen mit aller Sensibilität und Präzision, die sie verdient. Musik von einiger Wildheit, großer Gefühligkeit, oft erstaunlicher Kühnheit und nur einmal von einem markigen Marschton bestimmt, den Metzmacher eher betont als peinlich berührt verbirgt. Die Orchesterarbeit ist von großer Klarheit und klangschöner Opulenz - wie es sich gehört für das widersprüchliche Gebilde, dem sie sich widmet.

Autor:  HANS-JÜRGEN LINKE
Datum:  2 | 10 | 2008
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