Drei Komponisten, drei Epochen der Musikgeschichte, drei ästhetische Modelle. Und: drei höchst individuelle Wege, qua musikalischer Schöpfung die Welt zwar nicht zu interpretieren, so doch die eigene Vorstellung davon zu kristallisieren: In diesem Punkt treffen sich die stilistisch stark divergierenden Ansätze von Anton Bruckner, Olivier Messiaen und Karlheinz Stockhausen, stehen sie gewissermaßen ein für jenes idealische Prinzip, das Paul Valéry mit den Worten umschrieb, der Künstler müsse versuchen, "unsere Vorstellungen so stark zu erweitern, dass sie unvorstellbar werden"; man könnte auch sagen: spirituell aufzuladen. Ist es nur ein Zufall, dass Bruckner, Messiaen und Stockhausen sämtlich katholisch waren (mit der Einschränkung, dass Letzterer den bei Geburt erworbenen Glauben später umwandelte in eine irrlichternde Kosmologie)?
Programmatische Schnittmenge
Trefflich lässt sich darüber streiten. Aber immerhin ergibt sich aus dieser religiösen Konnotation eine Art programmatische Schnittmenge für das Musikfest Berlin, dessen Schwerpunkte die genannten Komponisten bilden. Anders wäre das Eindringen Bruckners in die Sphäre der Jubilare auch nicht zu erklären. Denn nur Stockhausen, der vor kurzem seinen 80. Geburtstag gefeiert hätte (er starb bekanntlich im Dezember 2007) und Messiaen, der vor bald 100 Jahren geboren wurde, waren a priori einer Würdigung würdig.
Während das große Stockhausen-Ereignis, die Aufführung seines Werkes "Gruppen" im Flughafen Tempelhof, noch ansteht, kamen Messiaen und Bruckner gleich zu Beginn des Festivals zu ihrem Recht. Das Concertgebouw Orkest spielte in der Berliner Philharmonie unter der Leitung von Mariss Jansons im Eröffnungskonzert Messiaens "Hymne au Saint Sacrement" und Bruckners Dritte, das London Symphony Orchestra zog mit der "Romantischen" des symphonischen Großbaumeisters und den "Poèmes pour Mi" Messiaens nach (mit Boulez' "Livre pour Cordre" für Streichorchester in der revidierten Fassung von 1988 gleichsam als Prolog). Am Pult Daniel Harding, der demnächst, neben Simon Rattle und Michael Boder, einer der "Gruppen"-Leiter sein wird.
An diesem Abend will ihm ein zwingender Zugriff auf die Stücke nur selten gelingen. Was freilich nur zum Teil an ihm selbst liegt. Das Orchester wirkt schon beim Boulez-Stück abgespannt und unaufmerksam, in Sachen Artikulation bleiben viele Wünsche offen. Ohne Glanz, beinahe pauschal, ja mürbeteigig ist der Streicherklang; auch rhythmisch wird nicht präzise genug agiert, um den seriellen Sehnen des Stückes die nötige Stringenz zu vermitteln.
Ein wenig besser gerät der Messiaen. Aber hier ist es vor allem das Stück selbst, das Magie zu entfalten weiß. Neun Lieder auf eigene Texte hat der Komponist 1937 für seine Ehefrau Claire (deren Kosename Mi war), die später tragisch und umnachtet in einem Pflegeheim starb, zu Papier gebracht.
Interpretatorischer Sündenfall
Schon in diesem frühen Werk ist die Richtung erkennbar, in die Messiaen strebt: eine Form höherer religiöser Freiheit auf der musikalischen Basis von modalen Mustern und einer Mischung von gregorianischen und außereuropäischen (hier: hinduistischen) Elementen, kurz: ein Amalgam aus verschiedenen Klang- und Glaubenskulturen, gerahmt in das Konzept-Gerüst der Modi. Taktstriche gibt es hier nicht, dafür jede Menge Exaltation (und manchmal Kitsch).
Wesentlich für eine gelungene Interpretation allerdings ist es, das Maß der Dinge zu erkennen, sprich die Notwendigkeit von Freiheit, insbesondere die Klarheit der klanglichen Formulierung, die erst das Luzide dieses Werks zum Ausdruck bringt. Eben das ist aber leider die Sache der für Sally Matthews eingesprungenen Measha Brueggergosman nicht. Wunderschöne Töne und Klänge produziert die Sopranistin, einen Textsinn indes produziert sie nur selten (so im siebten Lied "Les deux guerriers"). Es kommt einer interpretatorischen Sünde gleich, Messiaen in impressionistisch angehauchtem Wohlklang zu verhüllen. Measha Brueggergosman begeht sie. Und Daniel Harding muss sich die Frage gefallen lassen, warum er gegen dergleichen am falschen Objekt zelebrierte Schwelgerei nicht einschreitet.
Wäre man an dieser Stelle des Abends nach Hause gegangen, der Auftakt des Musikfestes Berlin wäre noch ein gewogener gewesen. Nach der Wiedergabe der vierten Bruckner-Symphonie (in der Urfassung von 1874) mischt sich dann allerdings Ärger hinein. Was auch immer Hardings Konzept für dieses Opus gewesen sein mag: Deutlich wird es nicht. Keines der Brucknerschen Themen will charakterliches Gewicht gewinnen, keines will sich mit dem anderen in Verbindung setzen. Lauter Monaden fliegen durch den Raum. Körper, konturlos.
Es bleibt zu hoffen, dass Sylvain Cambreling und das SWR-Symphonieorchester mit Bruckners Siebter, "L'Ascension" und "Oiseaux exotiques" von Messiaen und in den Tagen darauf die Berliner Philharmoniker unter Rattle (mit der Turangalîla-Symphonie) den Schwerpunkt-Komponisten zu höheren Ehren zu verhelfen und damit ein Stück von Valérys Diktum in die Tat umzusetzen.