Zwischen der Politik und der Kunst ist das Verhältnis angespannt. Nicht selten wird Kunst politisch missbraucht, andererseits war sie auch Sprachrohr für Erniedrigte und Beleidigte. Heute ist es allerdings schick, überhaupt keinen politischen Standpunkt zu haben. Selbst Komponisten, die einst für ihr Engagement bekannt waren, distanzieren sich zuweilen davon. Das gilt auch für Tan Dun, und bei ihm irritiert das - immerhin mussten die Eltern des in Shanghai und New York lebenden chinesischen Komponisten während der chinesischen Kulturrevolution Zwangsarbeit leisten.
Tan Dun selbst, der für die Musik zu "Tiger & Dragon" einen Oscar erhielt, galt in den 80er Jahren zeitweise als "Gefolgshund des Kapitalismus". In "Elegy: Snow in June" gedenkt Tan Dun der Opfer des Massakers in Peking von 1989, und in der Sinfonie "Li Sao" (1979/80), dem Streichquartett "Feng-Ya-Song" (1982) oder "Red Forecast: Orchestral Theatre III" (1996) äußert sich eine kritische Distanz zur offiziellen chinesischen Politik und zu Maos Kulturrevolution.
Davon ist heute nicht viel übrig. Dabei ist Tan Dun längst ein Starkomponist und müsste keine ernsthaften Konsequenzen befürchten. Die offiziellen Kurzbiografien schweigen zu allen politischen Themen, ebenso aktuelle westliche Fernsehdokumentationen.
Das stimmt nachdenklich. Auf Nachfrage möchte sich Tan Dun nicht äußern; er beantworte nur Fragen zur aktuellen Uraufführung, ließ er mitteilen. Damit ist das "Earth Concerto" für Stein- und Keramikinstrumente und Orchester gemeint, das vom Musikfestival im niederösterreichischen Grafenegg in Auftrag gegeben und dort uraufgeführt wurde.
Hier war Tan Dun Composer in residence. Ein vorbildliches Porträt samt Kompositionsworkshop wurde realisiert. Mit der Uraufführung des "Earth Concerto", die das Tonkünstler-Orchester Niederösterreich unter Tan Dun mit namhaften Perkussionisten gestaltete, schloss sich die "Organic Music Series". Zu dieser Trilogie zählen außerdem das "Water Concerto" von 1999 und das "Paper Concerto" von 2005.
Um was es ihm geht, erklärt Tan Dun mit einer einfachen Formel: "Eins und eins macht eins." Er strebt eine Symbiose zwischen Ost und West, Alt und Neu, Instrument und Material an. Zudem ist Mahlers "Lied von der Erde" ein zentraler Bezug. Dieser sinfonische Vokalzyklus, der auf Dichtungen der Tang-Dynastie fußt, habe ihn stets inspiriert, so Tan Dun. Die Titel der drei Sätze des "Earth Concerto" klingen nach Mahler: "Von der Jugend", "Trinklied vom Jammer der Erde" und "Der Trunkene im Frühling". Es geschieht, was man seit Jahren von Tan Dun kennt: Dissonanz verwebt sich mit Konsonanz, Geräuschhaftes paart sich mit Melodiösem, Spätromantik und Moderne verbinden sich mit Mikrointervallik und Pentatonik.
Ins Spiel des grunzenden, stöhnenden Keramikhorns, das wie die Keramikflöten oder das Steinschlagwerk zum Teil nach altchinesischen Vorbildern hergestellt wurden, mischt sich das Sinfonieorchester. Schließlich zitiert Tan Dun im Finalsatz Mahlers "Trunkenen im Frühling".
Tan Duns Rechnung geht jedoch nicht auf. Über weite Strecken bleibt seine Ästhetik Kosmetik, vielfach gähnen westliche und östliche Klischees. Insgesamt gelingen koreanischen Komponisten authentischere Befragungen von Ost und West, man denke nur an den 1995 verstorbenen Isang Yun oder Younghi Pagh-Paan. Tan Duns neueres Schaffen verkörpert hingegen eher die fatalen Folgen einer Globalisierung, die die Vielfalt zusehends uniformiert, bis Eigenheiten verschwimmen oder gar vollständig verschwinden.