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Musiktheater: Die Katastrophe vor dem Ende

Ein Spektakel wie für ihn geschaffen: Der katalanische Opern-Zertrümmerer Calixto Beito setzte in Freiburg György Ligetis "Le Grand Macabre" in Szene - und erfüllte die Erwartungen. Von Joachim Lange

Ruf als Enfant terrible: Calixto Beito.
Ruf als Enfant terrible: Calixto Beito.
Foto: dpa

Es ist eine große apokalyptische Show. Das schräge Breughelland, das György Ligeti nach Ghelderodes Schauspiel "La Balade du Grand Macabre" gebildet hat, ist ein Sodom und Gomorrha der Moderne mit einem ominösen Großen Makabren namens Nekrotzar, der den Weltuntergang via Kometen-Einschlag punktgenau vorhersagt. Worauf bei den Breughelländern Hemmungen fallen. Alles treibt auf eine Kata-strophe zu, die dann nicht eintritt, weil sie schon längst da ist.

Was in den Siebzigern als provokante Satire daherkam, muss sich heute einen Belastbarkeitstest über die gefühlte Existenzgefährdung der Hochzeit atomaren Rüstens hinaus gefallen lassen, wie jetzt in Freiburg durch Calixto Bieito. Obwohl sich der Katalane längst vom Berserker zum stilistisch gezähmten Statthalter eines ambitionierten Musiktheaterrealismus gewandelt hat und sich gegen mainstreamtaugliche szenische Unverbindlichkeit behauptet, hat er die Ingredienzien seiner Sturm-und-Drang-Jahre durchaus noch im Köcher.

In Ligetis Weltuntergangsgroteske langt er kräftig zu. Rebecca Ringst hat ihm eine Laufstrecke aus grobem Holz auf die Drehbühne gezimmert, in der Mitte gibt es einen Erdhaufen, aus dem Schnürboden hängen Holzkreuze, die bei Bedarf aufleuchten. Den Rest besorgen Totenmasken, eine fahrbare Toilette, ein Einkaufswagen für Plüschtiere und die Kostüme von Marian Coromina. Wobei das Liebespaar mit den sprechenden Namen Clitoria (Jana Havranová) und Spermando (Sang Hee Kim) noch am normalsten daherkommt und die ganze Aufregung sowieso nicht mitbekommt. Der Rest des Personals treibt es exzessiv. Dass ein aufgeblasener Riesenphallus nach seinem Bühneneinsatz ins Publikum schwirrt, dass der halbnackte Fürst nach der vermeintlichen Katastrophe von der Mitte des Zuschauerraumes aus nach seinen Untertanen ruft, dass literweise Theaterblut fließt und ein wenig kannibalisiert wird, versteht sich bei Bieito fast von selbst. Wenn sich aber Leandra Overmann als Domina Mescalina aus der Nonnenkluft pellt und ihren Astradamors (Jin Seok Lee) malträtiert, dann ist das eines jener Overmann-Bieito-Duette, die in Erinnerung bleiben.

Durchweg imponierenden Sängerdarsteller

Musikalisch und sängerisch obwaltet geradezu der Luxus. Das gilt für Jimmy Chiangs entfesselte Achterbahnfahrt mit dem Philharmonischen Orchester Freiburg und den im Theater verteilten fabelhaften Opernchor. Vor allem aber für die durchweg imponierenden Sängerdarsteller. Wobei da Gabriel Urrutia als diabolischer Showstar Nekrotzar und der halbseiden kettenbehangene Fürst Go-Go des fabelhaft stimmsicheren Counters Xavier Sabata herausragen. Das Theater in Freiburg kann sich diesen Spitzensänger dank zusätzlicher Mittel leisten, die über eine sogenannte Excellence-Initiative privater Geldgeber beschafft werden.

Dass Bieito mit seiner Groteske schauspielerische Urinstinkte seiner Darsteller entfesselt und sie zu einer Gaudi mit Hintersinn animiert hat, war nicht zu übersehen. Die größere Herausforderung wäre es allerdings, sich gerade hier dem höheren Blödsinn entgegenzustemmen. Der Rückgriff auf derbe Mittel wird inzwischen allzu sehr als Marke konsumiert.

Theater Freiburg, 4., 6., 20. Februar, www.theater.freiburg.de

Autor:  Joachim Lange
Datum:  2 | 2 | 2010
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