Diese Feder tropfte reichlich. An Zahl lose Geschichten ersann der italienische Renaissancedichter Ludovico Ariosto, eine verzwickter als die andere. Sein Hauptwerk "L ´Orlando Furioso" ist ein üppiges, mit Phantasie prall gefülltes Stanzenepos in rund 40 Gesängen, in dem sich die Poesie jener fernen Zeit glänzend entfaltete.
Was Wunder, dass einige Komponisten Ariosts Stücke in Töne zu setzen suchten. Unter ihnen Antonio Vivaldi und Georg Friedrich Händel. In Berlin, an der Komischen Oper, entschied man sich für dessen Opera seria, 1733 am King´s Theatre zu London uraufgeführt und letzter italienischer Beitrag zur Gattung, den Händel für den Edelkastraten Senesino verfasste, erster Teil einer Ariost-Trilogie, der sich "Ariodante" und "Alcina" anschließen sollten.
Heute lässt man dem Mann sein Mannsein, und so ist es möglich, die Titelpartie einer Sängerin zu überantworten. In Berlin gibt Mariselle Martinez den Orlando. Und sie gibt ihn mit einem frappierend vollen, düster timbrierten, ja herb-maskulinen Mezzo. Wohlan, dachte sich wohl der norwegische Schauspielregisseur Alexander Moerk-Eidem, dann drehen wir diese Angelegenheit doch gleich mal komplett um und spielen Geschlechtertausch.
Der wackere Medoro ist also eine elfengleiche Schönheit im weiß-roten Blümchenkleid (Kostüme: Maria Gyllenhoff). Und so lieblich, wie sie aussieht, so singt Elisabeth Starzinger auch.
Ihre Angebetete Angelica, von Birgit Geller mit etwas metallischem, forciertem Sopran ausgestattet, kommt derweil in Hosen undmit straffer-Gel-Frisur des Weges. Dorinda (Julia Giebel) schließlich, unglücklich liebende (überflüssige) Dritte im Bund, sieht in Gummistiefeln, Schlabberkleid und Regenjacke nicht eben danach aus, als wolle sie wen bezirzen.
Einzig Zoroastro, der aus unerfindlichen Gründen Zarathustra heißt (die Nietzsche-Anspielung ist Quark), erscheint als Mann auf Erlend Birkelands Bühne, die aus einer Außenhaut (Saunawand) und einem Innenleben (Wald) besteht. Erscheint er tatsächlich als Mann? Nun ja. Wenn man diesen bekifften Guru, im Original noch Zauberer, unbedingt als Mann betrachten will. Einzig der dunkle, üppige Bass von Wolf Matthias Friedrich deutet darauf hin.
Lustig. lustig, denkt man sich. Und um den Ulk komplett zu machen, hat man auch noch die Prinzessin Isabella, bei Händel eine stumme Rolle (als von Orlando gerettete Prinzessin), umgedeutet zu Zarathustras Assistent. Bernd Stempel vom Deutschen Theater spielt ihn, im lilafarbenen Sekretärinnenkostüm, gar grazil als leicht verklemmte Tunte. Natürlich mit Kittelschürze.
Wer´s mag, kann darüber lachen, und das knapp drei Stunden lang. Wer hingegen Händels "Orlando" sehen will, nach den Hintergründigkeiten sucht, dem bleibt das Vergnügen versagt. Moerk-Eidem inszeniert das Opus (in der artigen deutschen Textfassung von Werner Hintze) als eine Art Vorabendserien-Klamauk. Was er nicht inszeniert, weil er sie nicht kennt, ist die Musik. Über deren Zauber setzt er sich einfach hinweg; Hauptsache, die Schenkel vibrieren. Man glaubt gar nicht, wie leicht es ist, einen Stoff wie diesen zu zerfetzen.
Letzte Chance böte die klingende Seite der Sache. Doch Alessandro de Marchis Dirigat übergeht nicht nur die Feinheiten der fis-Moll-Ouvertüre, es ist in toto so bräsig und pauschal und so langweilig, dass man nur eines möchte: schnell nach Hause, den CD-Spieler anstellen, Händel mit Pfiff hören. Aufnahmen, die das ermöglichen, gibt es reichlich.
Komische Oper Berlin, wieder am 7., 13., 18. und 27. März. www.komische-oper-berlin.de