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Musiktheater: Unverständnis auf allen Seiten

Wechselbad im Kopf des Hörer-Betrachters: Neue Musiktheater-Konzepte beim Festival Eclat für neue Musik in Stuttgart mit durchaus unterschiedlichem Ausgang.

Im Anfang waren Wort und Widerwort. Gleich zu Beginn der ersten Uraufführung des Stuttgarter Festivals Eclat prallten Welten aufeinander. Eine in mikrotonalen Intervallen langsam aufsteigende Klavierskala mündet plötzlich in das Kopfsatz-Allegro von Mozarts Klaviersonate a-Moll KV 310. Die Pianisten spielen auf zwei vierteltönig gegeneinander verstimmten Konzertflügeln. Fortgesetzter Dissens ist vorprogrammiert, denn strittig bleibt, wer hier gegen wen verstimmt ist.

Unter ständigem Ringen um die "richtige" Intonation entwickelt sich das Geschehen zu penetrierter Disharmonie aus Sich-Fliehen, Sich-Suchen, Zuspielen und Gemeinsam-Spielen ohne wirklich zusammen kommen zu können.

Hinter dem laxen Titel "Also dann" des Musiktheaterwerks von Verena Joos und Reinhard Karger verbirgt sich die Tragikomödie eines Paares, das sich auseinander gelebt hat und doch den letzten Schritt zur Trennung scheut. Weder sie noch er kann und will den anderen verlassen oder halten. Unter fortwährendem Hader bleiben Mann und Frau ineinander verkeilt.

Wie zwei Panter umkreisen sich die Schauspieler Christina Weiser und Klaus Beyer im engen Lichtkegel eines Scheinwerfers. Sie kommen nicht voneinander los und liefern sich einen ebenso zermürbenden wie für das unbeteiligte Publikum belustigenden Rosenkrieg, mit wachsendem Unverständnis, zunehmender Frustration, verweigerter oder scheiternder Kommunikation.

Im Wechsel mit den Leidensstationen des Paares spielt das Piano-Duo GrauSchumacher teils originale, teils dekomponierte und neu montierte Passagen aus Mozarts Klaviersonate. Dabei verwandeln sich Motive und Töne des einen Klaviers im veränderten mikrotonalen Kontext des anderen zu schmerzlich dissonierenden Fremdkörpern oder unerwiederten Klopfzeichen. Unverständnis auf allen Seiten.

Gleichberechtigte Kunstformen

Autorin und Komponist wollten in ihrer "erotischen Versuchsanordnung" weder den Text mit Musik untermalen noch die Musik durch Inszenieren bebildern. Anstelle des alten Musenstreits - prima la parola oder prima la musica? - sollten sich beide Kunstformen mit gleichem Recht entfalten. So entstanden zwei Theaterstücke, ein szenisches, ein musikalisches, die sich durch den ständigen Wechsel erst nach und nach im Kopf des Hörer-Betrachters zum Gesamtereignis überlagern, indem er das Ehedrama unwillkürlich mit der Musik parallelisiert: mit den gegeneinander verstimmten Flügeln, dem Dualismus von "männlichem" und "weiblichem" Thema der Sonatenform und der Wiederkehr der Abschiedsformel "Also dann" zur einsetzenden Reprise - da capo, der Streit geht wieder von vorne los.

Das Stuttgarter Festival für neue Musik Eclat hat sich in den vergangenen Jahren zu einem wichtigen Forum für experimentelles Musiktheater entwickelt. Es möchte Dinge ermöglichen, die der behäbige Apparat großer Stadt- und Staatstheater nicht zulässt, weil die hier zur Verfügung stehenden Räume, Kräfte, Sänger, Musiker und Werkstätten angemessen genutzt und beschäftigt werden wollen.

So entstehen starre Vorgaben für die Produktion und Präsentation von Musiktheater, die alternative Verhältnisse von Text, Musik, Szene, Licht und neuen Medien häufig von vornherein ausschließen.

Im Eclat-Programmbuch klagt Festivalleiter Hans-Peter Jahn folglich: "Das aktuelle Musiktheater ist übersät mit Karzinomen alten Denkens, weil dieses Denken aus den immanenten Zwängen heraus entsteht, Musik als die alles bestimmende Kategorie im Musiktheater zu begreifen."

Die zweite musiktheatralische Novität des Festivals bestand aus drei Werken, die für die Neuen Vocalsolisten Stuttgart auf spanische Textvorlagen entstanden. Unter dem Obertitel "Visiones - Ficciones" wurden sie als ein "A cappella Musiktheater" in drei Akten inszeniert.

Während Elena Mendozas "Fe de erratas" die Sänger-Sprecher-Schauspieler hitzig über den Fortgang des Stücks, das sie gerade aufführen, debattieren ließ, hüllte sie José-María Sanchez-Verdús in seinen "Engel-Studien" in einen sphärischen Hallraum von sechs Gongs, die mittels Lautsprecherübertragung der Singstimmen in Schwingung versetzt wurden.

Michael Hirsch legte seiner "Tragicomedia" eine krause Geschichte von Kuppelei zugrunde, mit Liebe, Hass, Mord und Selbstmord. Indes lassen die zersprengten deutschen und spanischen Textfragmente keinen Erzählfluss aufkommen. Und auch die Akteure agieren autistisch. Jeder scheint einem anderen Stück zu entstammen und die Unklarheit seiner Rolle durch umso schneller plappernde Selbstversicherungsversuche und opernhafte theatralische Eskapaden kompensieren zu wollen.

Rein selbstbezüglich bleibt auch der Einsatz von sechs Videobildschirmen. Sie dienen den Sängern als Spiegel und zur Vervielfachung der wenigen Requisiten, Lesepulte, Bücher, Gongs. Die Musik erscheint so als Lektüre von Literatur. Das Ergebnis ist ein ganz zu sich selbst gekommenes Musiktheater, das niemandem und nichts mehr etwas zu sagen hat, außer dem Credo: Ich spreche, also bin ich.

Autor:  RAINER NONNENMANN
Datum:  9 | 2 | 2009
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