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Musik

11. März 2016

Nachruf auf Keith Emerson: Am Puls einer verflixt vertrackten Zeit

 Von 
Keith Emerson 1974 in einem Konzert in London.  Foto: dpa

Keith Emerson gehörte zu den äußerst filigranen Kraftmenschen unter den Keyboardern, zugleich ließ er wie ein Kobold, diebisch erfreut, den Moog Synthesizer von sich hören wie von einer Offenbarung. Nun ist er tot, er ging mit 71 Jahren in den Freitod.

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Los Angeles –  

Auch Emerson, Lake & Palmer waren nicht Schulstoff, trotz ihrer klassischen Orientierung nicht. Kein Musikunterrichtsstoff, aber pausenloser Schulhofstoff. Erst recht von dem Tag an, als das Trio nicht nur für das Gehörte wie verrückt verehrt wurde, für ihren Progressive Rock, wie es damals hieß, sondern zur Supergroup schlechthin erklärt wurde. Die Musikpresse sprach’s 1970 aus. Carl Palmer – der beste unter allen lebenden Schlagzeugern. Greg Lake der Großmeister an der Gitarre. Keith Emerson der größte Pianist des Rock.

Berührend ist an dieser Schullegende, 45 Jahre alt, dass Keith Emerson wirklich groß war. Schon „Emerson, Lake & Palmer“, das erste Album des Trios, war ein gewaltiges Outing. Emerson hatte eine der heiligen Orgeln Londons bespielen dürfen. Pompöse Sache. Die er ausklingen ließ in einem Swing. Bereits mit „The Nice“, ein Jahr zuvor, hatte er in New Yorks Fillmore East die Basis der Keith-Emerson-Kunst gelegt. Hatte, unvergessen, das pathetische „Hang On To a Dream“ hinreißend ausschwingen lassen, hatte dafür dem Flügel in die Eingeweide gegriffen. Und wenn er die Saiten fast aufribbelte, während am Bass und Schlagzeug zwei Arbeitskräfte gehorsam tätig waren, war’s um das Präludium geschehen. Nun ein bebender Boogie.

So ging er oft vor. Auf Basis etwa des Intermezzos von Sibelius’ „Karelia Suite“, des 3. Satzes der „Pathétique“ von Tschaikowsky oder des „America“-Motivs von Bernstein begann er zu improvisieren. Er bearbeitete brüsk oder anhänglich, jählings oder vernarrt, auch später. Mit „Pictures at an Exhibition“ waren Emerson, Lake & Palmer im März 1971 nicht die ersten Interpreten von Modest Mussorgskys Programmmusik – aber Enthusiasten auf jeden Fall. Vorneweg stampfte Keith Emerson los, live mit blanker Brust unter funkelndblauem Bolero in ein Abenteuer, das linke Hand und rechte Hand an gleich zwei Tasteninstrumenten aufnahmen. Er war da ein Vorbild.

Unverschämt pulsierende Tonfolgen

Keith Emerson gehörte zu den äußerst filigranen Kraftmenschen unter den Keyboardern, zugleich ließ er wie ein Kobold, diebisch erfreut, den Moog Synthesizer von sich hören wie von einer Offenbarung. Das war damals nun mal so, etwa auf der LP „Tarkus“, die ein Riesenerfolg wurde, ein Triumph, verpackt in ein Cover mit martialischen Fantasykampfmaschinen. Trotzdem wurde die Plattenspielernadel abgewetzt. Wie schon bei „Lucky Man“.

Keith Emerson ist tot, er ging mit 71 Jahren in den Freitod. Carl Palmer beschrieb den Freund auf seiner Website als „zartes Gemüt“. Man kann dem nachhören. In „Take a Pebble“ wollte Keith Emerson wohl Kieselsteine zum Schmelzen bringen. Auch hier ein großer Bogen, von der klassischen bis zur Countrymusik. So erfolgreich wie mit ELP lief es dann nie mehr. Emerson brachte neue Namen zusammen, die Musiker wechselten, 1977 ging er mit seinem 1. Klavierkonzert auf Tournee. 2010 erhielt er den Frankfurter Musikpreis. Er machte den Jazzverehrer mit dem Rock vertraut, und den Rockfixierten mit der Klassik.

Klassisch griff er an den Tasten weit aus. Mochte Pomp, traktierte seine Instrumente mit Pathos, um es in perlenden Linien abtropfen zu lassen. Jimi Hendrix steckte seine Gitarre in Brand, von Keith Emerson hieß es, er behandle sein Leib- und-Mageninstrument mit Messern. Wiederum unter seinen zehn Fingern entlockte er dem guten alten Flügel unverschämt pulsierende Tonfolgen. Was er tat, tat er prachtvoll. Er tastete, hin- und hergerissen, den Puls einer verflixt vertrackten Zeit ab.

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