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Musik

12. Dezember 2012

Nachruf auf Ravi Shankar: Psychedelisch auch ohne Drogen

 Von Jens Balzer
Ravi Shankar (7. April 1920 bis 11. Dezember 2012), hier mit seinem Schüler George Harrison (links) im Jahr 1967. Foto: dapd

Popstar wider Willen: zum Tod des indischen Sitar-Virtuosen Ravi Shankar, der sogar die Beatles inspirierte.

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Popstar wider Willen: zum Tod des indischen Sitar-Virtuosen Ravi Shankar, der sogar die Beatles inspirierte.

Die Beatles konnte er zunächst nicht besonders gut leiden. „Ich war ein klassisch ausgebildeter Musiker“, hat Ravi Shankar später einmal gesagt, „darum fand ich ihre Songs zu trivial.“ Auch missfiel ihm der Beatles-typische Hang zum exzessiven Drogengebrauch. „Wenn ich ein Konzert gebe, versuche ich innerlich und äußerlich rein zu sein, und meine Musik sollte in dem gleichen Geist aufgenommen werden.“ Psychedelische Bewusstseinserweiterung, so Shankar, könne auch „ohne Gift“ gut gelingen. Mit den Beatles und ihrer Begeisterung für seine Musik hielten hingegen LSD, Haschisch und haarige Hippies Einzug in sein Virtuosenleben. Andererseits wurde er auf diese Weise in der zweiten Hälfte der Sechzigerjahre zum ersten internationalen Sitar-Superstar, zum Lieblingsmeditationsmusiker der psychedelischen Jugend und zum weltweit wahrscheinlich bekanntesten Inder.

Da war Ravi Shankar schon ein recht reifer Mann. Geboren wurde am 7. April 1920 im indischen Benares; seine musikalische Karriere hatte er im Kindesalter als Tänzer begonnen. Mit zehn Jahren trat er der Tanzkompanie seines älteren Bruders Uday bei und verbrachte einige Jahre in Paris; dort lernte er die westliche Musik und insbesondere die Barockgitarre von Andrés Segovia schätzen. Für sein eigenes Spiel erwählte er dann aber die Sitar, das klassische Saitenstrument der nordindischen Musik, und lernte bei dem Meister Ustad Allauddin Khan den rhythmisch extrem komplizierten Gebrauch der 21-saitigen Laute.

Ravi Shankar im Jahr 2005.
Ravi Shankar im Jahr 2005.
Foto: dpa

Indische und westliche Töne verbinden

Nach dem Studium bewegte sich Shankar früh aus dem klassischen Konzertbetrieb hinaus. In den Vierzigerjahren komponierte er Musik für Filme und Ballettinszenierungen, er wurde zum Direktor des ersten Indischen Nationalorchesters und nach der Unabhängigkeit des Landes zum Kulturbotschafter der Regierung. Er tourte nicht nur ausgiebig durch die USA und Europa, sondern bemühte sich in seinen eigenen Kompositionen um eine Verbindung von indischen und westlichen Tonarten und Spielweisen; unter anderem gehörte der Geiger Yehudi Menuhin zu seinen musikalischen Partnern. Anfang der Sechziger befreundete er sich mit John Coltrane, der sich von ihm in die indische Musik einführen ließ. Zu einer Zusammenarbeit zwischen den beiden kam es wegen Coltranes Tod 1967 nicht mehr. Doch führte Alice Coltrane in den Siebzierjahren auf Platten wie „Universal Consciousness“ das Sitar-Spiel virtuos in den Jazz ein. Ihren Sohn Ravi haben die Coltranes nach Shankar benannt.

Zur weltweiten Berühmtheit wurde Shankar dann freilich durch seine Begegnung mit dem Beatles-Gitarristen George Harrison. Dieser hatte seine Musik zum ersten Mal 1965 auf einer Party von Zsa Zsa Gabor unter dem Einfluss chemischer Halluzinogene gehört; so berichtet es jedenfalls Roger McGuinn, der Gitarrist der Byrds, der ihm bei dieser Gelegenheit einige Motive von Shankar auf seinem eigenen Instrument vorspielte. Harrison erwarb sogleich eine Sitar und ließ sie in dem Lied „Norwegian Wood“ (auf der 1965er „Rubber Soul“-Platte) stimmungsvoll sirren. „Meine Nichten und Neffen haben mir den Song vorgespielt“, erinnerte sich Shankar in einem Interview mit dem Rolling Stone, „sie waren völlig hingerisssen davon. Ich fand ihn schrecklich.“

Er erweckte einen erleuchteten Eindruck

Als George Harrison dann aber im folgenden Jahr persönlich nach Indien reiste, wurde er von Shankar freundlich aufgenommen; sechs Wochen blieb er beim Meister, um von ihm die Grundlagen des Sitar-Spiel zu erlernen. Roger McGuinn, der Harrison wiederum auf der Rückreise im Flugzeug traf, berichtet von dem rundum erleuchteten Eindruck, den er erweckte. „Ich fragte ihn: Was tust du gerade? Und er sagte: Ich transzendiere.“

So wurde die Sitar plötzlich zum beliebtesten Exoteninstrument des Pop; bei den Beatles hörte man sie ebenso wie im britischen Folk-Revival (etwa bei der Incredible String Band) oder im erblühenden Progrock, wo Bands wie Yes später sogar elektrisch verstärkte Sitars benutzten. Ravi Shankar lehnte diese Entwicklung zwar ab – „die Sitar zu lernen, um Popmusik darauf zu spielen, ist so ähnlich, als lernte jemand das chinesische Alphabet, um englische Gedichte zu schreiben“ –, ließ sich aber gleichwohl gern aufs Monterey Festival einladen und auch nach Woodstock; später erinnerte er sich vor allem an bekiffte Hippies im Regen, die zu seiner Musik meditierten, ohne dass er das Gefühl erhielt, dass sie ihm wirklich zuhörten.

Mit George Harrison verband ihn gleichwohl eine lebenslange Freundschaft, der Höhepunkt ihrer gemeinsamen Arbeit war zweifellos das „Concert for Bangladesh“ 1971 im New Yorker Madison Square Garden. Danach zog Shankar wieder nach Indien zurück, um sich der Verbesserung seines Spiels und der musikalischen Lehre zu widmen. 2003, da war er schon 83 Jahre alt, eröffnete er in Neu Delhi das Ravi Shankar Institute of Music and the Performing Arts.

Auch seine beiden Töchter sind Musikerinnen geworden. Die jüngere, Anoushka Shankar, ist selber eine virtouse Sitarspielerin; die andere, Norah Jones, ist eine der erfolgreichsten Jazzpop-Sängerinnen der letzten Jahre. Mit Anoushka stand Ravi Shankar Anfang November auch das letzte Mal auf einer Konzertbühne, in Long Beach in Kalifornien, wo er seinen Lebensabend verbrachte. Am Dienstag ist Ravi Shankar im Alter von 92 Jahren in San Diego gestorben.

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