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Musik

11. Januar 2016

Nachruf: David Bowie, Herr der eigenen Inszenierung

 Von Christian Bos
Über die Jahrzehnte erfand sich David Bowie musikalisch und äußerlich immer wieder neu.  Foto: Martin Rickett/PA

Der britische Musiker David Bowie ist tot. Er starb zwei Tage nach seinem 69. Geburtstag an Krebs. Ein Nachruf auf das „Pop-Chamäleon“.

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"Ich kann nicht alles preisgeben“, singt David Bowie. Es ist die letzte Zeile seines letzten Liedes auf seiner letzten Platte, „Blackstar“. Das 25. Studioalbum des großen Rätsels Bowie ist am 8. Januar, seinem 69. Geburtstag erschienen. Zwei Tage später ist er tot, 18 Monate nach einer Krebsdiagnose. Von der die Welt nichts wusste. Wie sie überhaupt wenig von Bowie wusste. Vor allem, seit er sich nach einem Herzinfarkt von der Bühne zurückgezogen hatte.

„Ich weiß, dass irgendetwas ziemlich schief läuft“, lautet die erste Zeile dieses letzten Liedes, dann singt er noch von „geblümten Nachrichten mit Totenkopf-Mustern auf seinen Schuhen“ – Zeilen, die eben noch kryptisch klangen und nun in schrecklicher Klarheit herausstechen.

Musste David Bowie sich jemals dafür entschuldigen, nicht alles preisgeben zu wollen? Hatte er uns nicht vielmehr gezeigt, dass man durch Verhüllungen, Verkleidungen und Verwandlungen der Wahrheit über sich selbst viel näher kommen konnte?

Viele britische Jugendliche überfiel diese Erkenntnis schlagartig, als ein gertenschlanker, karottenhaariger Bowie im Juli 1972 in der Musikshow „Top of the Pops“ von einem „Starman“ kündete, der im Himmel darauf harrte, endlich zur Erde zu fallen. Noch zögernd, aus Angst, die Erdenkinder um den Verstand zu bringen.

Da war es schon geschehen. Wie der Sänger mit anzüglichem Lächeln den Arm um seinen Rauschgoldengel-Gitarristen Mick Ronson legte, wie er seinen engen, in allen Farben des Regenbogens glitzernden Overall so selbstverständlich trug wie Frank Sinatra seine Dreiteiler, kurz: wie jemand so stolz in seinem Anderssein erblühte, dass hatte man so noch nie gesehen.

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Eine ganze Generation von Außenseitern und Schräg-ins-Leben-Gestellten hatte Bowie an diesem Juliabend ins Freie gelockt. Nur ein Jahr später würde er Ziggy Stardust, den Mann der aus den Wolken kam, auf der Bühne des Londoner Hammersmith Odeon nicht weniger dramatisch beerdigen. Es war nur eine Rolle, nicht die erste, nicht die letzte. Bowie blieb rastlos, immer auf der popkulturellen Überholspur. An alle, die ihn auf Authentizität abklopfen wollten, hatte er im Song „Changes“ schon vor seinem raketenhaften Aufstieg eine Botschaft versteckt: „Ich bin viel zu schnell, als dass ich mich diesem Test unterziehen könnte“.

1990 zeigt sich Bowie mit Elvis-Presley-Tolle. Sein Tod ist genauso bedeutend für die Musikwelt, wie der des King of Rock, sagen seine Fans.  Foto: afp

Das Stück wurde später zu Bowies Markenzeichen. Und die Rede vom „Pop-Chamäleon“ zur denkfaulen Kurzformel. Auf kaum jemanden passte die Metapher weniger: Wann hätte Bowie jemals seine Farbe dem Hintergrundbild der Zeitläufte angepasst?

Bestenfalls musste der Junge aus Brixton einen relativ langen Anlauf nehmen, von seinen ersten Rock’n’Roll-Bands mit 15 Jahren, noch unter seinem Geburtsnamen Davy Jones, über frühe Inkarnationen als Mod, als Sänger von Nonsens-Songs („The Laughing Gnome“) oder als kraushaariger Späthippie auf seinem Solodebüt, das immerhin seinen ersten Hit, „Space Oddity“  enthielt.

Doch schon mit dem zweiten Album, „The Man Who Sold The World“ eilte 1970 er seiner Zeit voraus: Epische Hardrock-Nummer, die hochphilosophische Science-Fiction-Geschichten erzählten. Und mit „Hunky Dory“ gelang ihn sein erster Klassiker. Bowie singt Liebesbriefe an Andy Warhol, The Velvet Underground und Bob Dylan – Ikonen aus dem vergangenen Jahrzehnt – und schreitet zugleich mit Sieben-Meilen-Plateaustiefeln in die seltsamen 1970er. In postmoderne Pop-Pasticcios und mitreißende Drag-Queen-Balladen, „Life On Mars“ ist wohl die schönste seiner Varieté-Nummern geblieben.

Ob ihm damals die Idee gekommen war, seine Ausbildung in Tanz, Pantomime und Schauspiel zu nutzen, um selbst als androgyner Marsmensch die Bühne zu betreten? Die kurze, intensive Ziggy-Ära hinterließ ihn ausgemergelt und zugekokst, auf dem besten Weg zum „Rock’n’Roll Suicide“, den er schon auf „The Rise and Fall of Ziggy Stardust and the Spiders from Mars“ vorhergesagt hatte. Aber selbst in seinen dunkelsten Zeiten tänzelte Bowie über dem Abgrund, schrieb Horror-Musicals über eine dunkle Zukunft („Diamond Dogs“), verblüffte als Soul-Star von eigenen Gnaden („Young Americans“), isolierte sich im zersiedelten Los Angeles als „Thin White Duke“.

Seinen ersten Welthit landete er mit „Space Oddity“ 1969.  Foto: afp

Als er in dieser Rolle den Außerirdischen Thomas Jerome Newton in Nicholas Roegs Film „Der Mann, der vom Himmel fiel“ spielte und mit „Station to Station“ ein Album veröffentlichte, dass sein bisheriges Schaffen zu einem hypnotisierendem Hexengebräu zusammenkochte, hatte Bowie einen Endpunkt völliger Künstlichkeit erreicht. Und wieder gelang ihm die Flucht vor sich selbst, ins düstere, kaputte, aufregende West-Berlin. Er teilte sich in Schöneberg eine Wohnung mit Iggy Pop, hörte Kraftwerk und Neu! – und schrieb die Songs, die heute als Berlin-Trilogie (die Alben „Low“, „Heroes“ und „Lodger“) den Höhepunkt seines Schaffens bildeten.

In den 1980er Jahren erfand er sich als blondierte Mainstream-Star noch einmal neu, trat in Muppet-Filmen auf und füllte endlich auch Fußball-Stadien. Da hatte sich seine scheinbar endlose Innovationskraft erschöpft. Erst in den 90ern überraschte Bowie wieder mit guten Alben. Die Zeit der Meisterwerke war zwar vorbei, aber nun gab es drei, vier Generationen von Fans, die dank ihm in ein besseres, freieres Leben führten. Und auch im privaten fand Bowie mit dem somalischen Model Iman eine Liebe, die jeden Wechsel überdauerte.

Als sich David Bowie 2013 mit dem Album „The Next Day“ und der Ausstellung „David Bowie is“ im Londoner Victoria & Albert Museum zurückmeldete, hing sein Stern so hoch wie nie zuvor. Dass der nun verloschen sein soll, man mag es kaum glauben. Und doch hat es Bowie genauso auf seinem Abschiedsalbum „Blackstar“ angekündigt, bis zuletzt Herr seiner eigenen Inszenierung.

David Bowie ist tot

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