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Musik

06. März 2016

Nachruf Nikolaus Harnoncourt: Da kommen große Gedanken hoch

 Von Stefan Schickhaus
Nikolas Harnoncourt, hier 2012 bei Proben in Salzburg, ist tot.  Foto: REUTERS

Der Musik gab er das Sprechen zurück, ihre Entschiedenheit und Schärfe, ihren Charme und Witz: Der Pionier, Cellist und Dirigent Nikolaus Harnoncourt ist im Alter von 86 Jahren gestorben.

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So enorm traurig der Anlass auch ist, der einen jetzt auf die Internetseite von Nikolaus Harnoncourt führt: Ein Lächeln kehrt zurück beim Anblick des Bildes, das einen dort groß empfängt. Da sieht man den fast noch jungen Musiker in Konzertkleidung auf einem Sofa liegen, zugedeckt von seinem Violoncello. Ruhend, schlafend vielleicht vor einem Auftritt. Andere Musiker greifen Etüden, er ist tiefentspannt.

Unter der Fotografie aus den augenscheinlich 1950ern stehen die Zeilen, mit denen gerechnet werden musste, die aber dennoch einen unglaublichen Verlust formulieren: „Am 5.3.2016 ist Nikolaus Harnoncourt friedlich im Kreis seiner Familie entschlafen. Trauer und Dankbarkeit sind groß. Es war eine wunderbare Zusammenarbeit. Alice Harnoncourt und Familie“.

Auf den Tag genau drei Monate ist es her, dass Nikolaus Harnoncourt seinen Abschied vom Dirigentenpult bekannt gegeben hat, es war der Tag vor seinem 86. Geburtstag. Und wie alles in seinem beruflichen und künstlerischen Leben hatte auch dieser Rücktritt Größe und Stringenz.

In einem offenen Brief, handgeschrieben und im Faksimile einem Konzertprogrammheft seines Orchesters Concentus Musicus Wien beigelegt, begründete er diesen Schritt mit seiner angegriffenen Gesundheit. „Meine körperlichen Kräfte gebieten eine Absage meiner weiteren Pläne“, hieß es darin. „Da kommen große Gedanken hoch: zwischen uns am Podium und Ihnen im Saal hat sich eine ungewöhnlich tiefe Beziehung aufgebaut.“

Er brach die Kruste aus Schönklang, Masse, karajanesk geballter Faust auf

Eine ungewöhnlich tiefe Beziehung – wie wahr. Der Musiker, der da am 6. Dezember 1929 in Berlin (trotzdem war er Österreicher durch und durch, seine Mutter war gar die Ur-Ur-Ur-Enkelin von Kaiser Franz I.) als Johannes Nicolaus Graf de la Fontaine und d’Harnoncourt-Unverzagt geboren wurde, schien in die Welt gekommen zu sein, um die Beziehung des Menschen zur Musik neu auszurichten. Das mögen jetzt große Worte sein, aber der Bedeutung Harnoncourts entsprechend. Denn fast im Alleingang brach Nikolaus Harnoncourt jene Kruste aus Schönklang, Klangmasse und karajanesk geballter Faust auf, die sich über die klassische Musik gelegt hatte.

Er war ja mitten drin in dieser philharmonischen Attitüde, schließlich war er in den 50ern und 60ern Cellist bei den Wiener Symphonikern, Herbert von Karajan war sein Chef. Diese Art des Musizierens ertrug er bis 1969, immerhin. Sein eigenes Ensemble, den Concentus Musicus, hatte er bereits 1953 als kleinen Musizierkreis gegründet. Gemeinsam mit der Wiener Geigerin Alice Hoffelner, die er im gleichen Jahr 1953 heiratete, und einer Handvoll Gleichgesinnter spielte er auf alten Instrumenten Barockmusik – „die Harnoncourts sitzen daheim unter ihren teuren Geigen auf Apfelkisten und ernähren sich von Erdäpfeln und Salat“, wurde damals gespottet.

Aber mehr noch wollte er den Klang als Rede begreifen und die Musik als Kommunikation. Die Bücher „Musik als Klangrede“ und „Der musikalische Dialog“, geschrieben in den frühen 80ern, als die historisch informierte Aufführungspraxis noch immer vom breiten Musikbürgertum allzu gerne der Lächerlichkeit preisgegeben wurde, enthalten die Essenz dieser Harnoncourt’schen Musizierhaltung. Sie müssen jetzt beide wieder raus aus dem Schrank und neu gelesen werden, dieses Alte und Neue Testament des Musikdenkens, die Frohe Botschaft der im Musentempel Gelangweilten.

Es kam die Zeit der öffentlich wirksamen Pioniertaten. Die Aufnahme der „Brandenburgischen Konzerte“ 1964, mit Naturhörnern, die ihren Namen noch Ehre machten (die man so aber dennoch heute nicht mehr hören möchte – unfassbar, wie sich die spieltechnische Versiertheit da entwickelt hat!). Die Aufführung der Monteverdi-Opern, zuerst 1972 „Il ritorno d’Ulisse“ an der Piccola Scala in Mailand, Harnoncourt debütiert als Dirigent. Seinen Concentus Musicus leitete er übrigens bis 1987 vom Cello aus.

„Am Anfang tat sich das Orchester schwer“

Ab 1975 stand er zunehmend auch bei „traditionellen“ Orchestern am Dirigentenpult, immer ohne Taktstock. Früh dabei: Das Concertgebouw-Orchester Amsterdam. „Am Anfang tat sich das Orchester schwer“, erinnerte sich der langjährige Amsterdamer Chefdirigent Bernard Haitink im FR-Interview. „Die Musiker haben sich gesträubt, weil sie diesen Ansatz nicht verstanden haben. Aber Harnoncourt ist so charismatisch und konnte so deutlich vermitteln, was er wollte, dass er schließlich respektiert wurde. Denn er hat eine echte Überzeugung, er folgt nicht nur einer Mode. Und er sagt immer wieder, das macht ihn so sympathisch: ‚Letzten Endes weiß ich es auch nicht‘.“

In den 80ern der Zyklus der Mozart-Opern – ein Meilenstein. Wie rasselte es da in der Ouvertüre zur „Entführung“, ein Ohrenputzer. Im Anschluss wurde die deutsche Romantik quellenkritisch befragt, Robert Schumann wurde ihm besonders wichtig. Und bis zuletzt verblüffte er, der Mann, der von sich sagte, er sei „nicht engagierbar“, also nicht kommerziell orientiert und käuflich. Wie er da mit dem Pianisten Lang Lang zusammenspielte und in den höchsten Tönen schwärmte, ein hübsches Rätsel.

Sein Verdienst: Seit Harnoncourt spricht die Musik wieder. Seine Vorstellungen sind Allgemeingut geworden, zum Glück. Kaum mehr ein Dirigent, ein Orchester, das nicht den rhetorischen, den atmenden Gestus der Musik sucht. Durch Harnoncourt hat die Musik ihre Schärfe zurückbekommen, ihre Entschiedenheit. Ihren Charme, ihren Witz. Harnoncourt zu vergöttlichen läge nahe, auch wenn sein herrlicher Ingrimm und sein Augenblitzen ihm ebenfalls teuflisch gut standen.

Darf man optimistisch sein, dass Harnoncourts Erbe lebendig bleibt? „Ich glaube, dass es wenig geistig interessierte Menschen gibt, die Optimisten sind. Weil Optimismus setzt immer einen gewissen Grad an Blödheit voraus.“ Sagte, leider, Nikolaus Harnoncourt.

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