Man muss diesen Videoclip gesehen haben. Ein grisseliges Webcam-Bild von einem grünen Holzhaus, ein so rüder wie rudimentärer Blues-Rhythmus. Plötzlich schiebt sich ein Bauer mit einem Hut ins Bild, präsentiert einen roten Apfel und beginnt ein Lied zu singen. Das handelt davon, dass er einmal ein Rockstar war, seine Verkäufe im Keller sind, aber er immer noch genug Fans hat, die gefälligst dieses Ding hier downloaden sollen, obwohl es - oder gerade weil es - völlig scheiße klingt: "Download this, it sounds like shit." Dann isst er den Apfel. Und das alles ohne einen einzigen Schnitt.
Der Bauer heißt Neil Young, und es dürfte keinen anderen 63-jährigen, global bekannten Rockstar geben, der mit seinem eigenen Image so vollkommen uneitel und sarkastisch umgeht. Darüber vergisst sich sogar leicht, dass der Song "Fork In The Road" offensichtlich autobiografisch ist und das gleichnamige Album sein aktueller Kommentar zur Lage von eigener Scholle, Nation und Weltwirtschaft.
Die hängt bekanntlich am Öl und dem diesen Rohstoff verschlingenden Automobil. Der Polit-Aktivist Neil Young steckt momentan erhebliche Mittel in sein "LincVolt"-Projekt, bei dem ein 50 Jahre alter Lincoln aus seiner umfangreichen Kraftwagen-Sammlung in ein ökologisch einwandfreies Elektro-Auto umgebaut werden soll.
Vom Steuer dieses Wagens aus beobachtet und analysiert Young nun die USA, fährt die endlosen Highways hinab, steht mit Pendler-Massen im Stau und in der Schlange an der Tankstelle, aber er sieht auch den Wandel und den Fortschritt, selbst das Obama-Schlüsselwort "change" fällt. Dazu hat Young ein paar Hohelieder auf das Reisen auf vier Rädern gedichtet - und fertig ist: das erste Bio-Auto-Konzept-Album der Rockgeschichte.
Außerdem beweist "Fork In The Road": Neil Young hat verstanden, wie das Internet funktioniert, er beginnt es zu umarmen wie kaum einer seiner Zeitgenossen. Der kurz vor dem offiziellen Rentenalter stehende Musiker hat die schnellen Umlaufzeiten, die rasanten Verfallsdaten akzeptiert, er weiß das Medium für seine Zwecke zu nutzen und hat die neue Landschaft abgesteckt, ohne die alten Beziehungen zu vernachlässigen: Das Video zu "Fork In The Road" feierte seine Premiere auf YouTube, der Clip zur zweiten Single "Light A Candle" wurde der Website des Rolling Stone exklusiv zur Verfügung gestellt; neben dem Solo-Album "Fork In The Road" ist längst die wohl nun im Juni erscheinende Werkschau "Archives I" in Arbeit und zusätzlich ein Album mit seiner Stammband Crazy Horse.
"Fork In The Road" ist Youngs sage und schreibe achte lange Veröffentlichung seit "Living With War" von 2006. Darunter mögen Live-Alben und Archiv-Sichtungen sein, aber das Arbeitstempo bleibt rasant - oder, wenn man es so sehen will, eben den veränderten Verhältnissen angepasst.
Die Folge, monieren die Kritiker, ist allerdings musikalische Hausmannskost. Und sicherlich: "Fork In The Road" ist weder eines jener von den Fans gefürchteten, aber von der Kritik gefeierten stilistischen Experimente auf Albumlänge, noch ein luzides Meisterwerk, auf dem sich der große alte Mann des Folkrock noch einmal seines Status versichert. Dieses Album ist ein schnell hingeworfenes, zum Fraß freigegebenes Statement. Wenn man so will: Der aktuelle Blog-Eintrag in Youngs nun schon seit Jahren laufender Auseinandersetzung mit den USA, von denen sich der Kanadier längst adoptiert sieht. Young ist sich nur nicht mehr sicher, ob er Ziehvater Uncle Sam eher als Heimstatt oder als Nemesis betrachten soll.
Andererseits entwickelt das Album gerade wegen seines skizzenartigen Charakters einen wundersamen Charme. Wie hingeworfen wirkt das Werk, halbfertig, nicht perfekt, ganz und gar sympathisch. Als Mehrwert darf man verstehen, dass dabei wie nebenbei auch noch eine wundervolle Ballade wie "Light A Candle" abfällt oder ein Stück wie "Just Singing A Song" mit seinem flirrenden Westcoast-Feeling.
Beide Songs erinnern an die kommerziell erfolgreichste Zeit von Young um das Bestseller-Album "Harvest" herum. Inhaltlich allerdings könnte die Absage an die Hippie-Seligkeit jener Tage kaum deutlicher ausfallen: Einfach nur ein Lied singen, grummelt der alte Mann, das wird die Welt nicht verändern. Neil Young, soviel ist klar, steht so fest in der Gegenwart wie keiner seiner Zeitgenossen.
Live: 9.6. Erfurt, 16.6. Berlin, 17.6. München, 19.6. Köln.
Neil Young:
"Fork In The Road" (Reprise/ Warner).