Eines haben Alicia Keys und Mary J Blige schon mal gemeinsam: Bei beiden kommt der liebe Gott an erster Stelle. Ausufernde Dankeslisten gehören zur Grundausstattung einer jeden Soul-Platte, und dass an der Spitze der Liste der Schöpfer selbst zu stehen hat, das ist seit jeher ehernes Gesetz. So kam "The Element of Freedom", Keys´ neues Album, nur mit Hilfe von "The Most High" zustande, und auch Blige war auf den Beistand des Herrn angewiesen: Dem "Dear God" dankt sie auf "Stronger with Each Tear" für Leben, Gesundheit und Karriere.
Dann aber wenden sich beide Sängerinnen flugs den wirklich bestimmenden Faktoren des Lebens zu. Das sind im Soul traditionell: Liebe, Lust und Leid. Dabei steht der Frau in dieser Grundkonstellation vor allem eine Rolle zu: Die der Bewahrerin der Liebe. Der Mann dagegen, das ist sein Wesen, will diese Liebe stets zerstören. Die Frau erduldet seine Eskapaden, die Untreue, ja sogar die Gewalt. Und auch wenn sie nicht immer die Beziehung retten kann, geht sie doch meist gestärkt aus diesem Kampf hervor.
Im idealen Falle wird diese künstlerische Position unterfüttert durch Ereignisse aus dem realen Leben. Whitney Houston hat das zuletzt wieder vorgeführt: Indem sie das mit Drogengeständnissen garnierte Scheitern ihrer Ehe musikalisch ausbreitete, konnte sie wieder den Thron als unumstrittene Soul-Diva erklimmen, der ihr gesangstechnisch eigentlich nicht mehr zustände.
Blige als Statthalterin Houstons
Während Houstons Abwesenheit hatte sich Mary J Blige als Statthalterin etabliert. Lange nicht so exaltiert im Vortrag wie Houston, aber dafür mit einschlägigen Erfahrungen ausgestattet, darf sie von sich behaupten, unter den aktuellen Bewerberinnen die Tradition der klassischen Soul-Diva am reinsten zu bewahren.
Diesen Soul, der auf dem Blues von Billie Holiday gründet, führt die bald 39-jährige und mit sechs Grammies prämierte Blige auch auf ihren elften Studioalbum wieder in schillernder Perfektion auf. Zur Unterstützung wurde, wie im Genre üblich, eine ganze Armada an Soundkonstrukteuren und Songschreibern engagiert, darunter das norwegische Produktionsteam Stargate oder die Sangeskollegen Ne-Yo und Akon. Dass Blige bei nahezu allen Songs auch als Ko-Autorin fungiert, markiert weniger eine Emanzipation aus der Rolle der Dulderin, sondern soll eher die Authentizität garantieren, mit der sie in die Rolle der männlichen Projektionsfläche schlüpft, die stellvertretend für ihre Geschlechtsgenossinnen alle Höhen und sämtliche Abgründe der Liebe durchschreiten muss.
Ein Jahrzehnt jünger als Blige, hat Alicia Keys es verstanden, sich von Anfang an als modernisierte Version der Soul-Diva am Markt zu platzieren. Schon dadurch, dass sie meist am Klavier sitzend auftritt, signalisiert sie: Hier arbeitet jemand in einem Genre, in dem Frauen meist fremdbestimmt wurden, mit originär eigenem musikalischen Profil. Sie hat Whitney Houston mit "Million Dollar Bill" den Song geschrieben, mit dem die sich zurückzumelden wagte, und das Alphamännchen Jay-Z engagierte sie für "Empire State Of Mind" als gleichberechtigte Duett-Partnerin. Selbstbewusst wagt sie sich auf fremdes Terrain und nimmt mit Bluesrock-Größe Jack White einen James-Bond-Titelsong auf.
Liebeslied auf watteweichem Klavier
Keys hat den Schritt vollzogen vom Opfer zur Akteurin. Spätestens mit diesem vierten Album hat sie sich zudem die Freiheit erkämpft, einen Hauch neben den Genrevorgaben zu agieren. Kaum einer der Tracks würde in einem Club die Tanzfläche füllen, stattdessen durchmisst Keys in einem nahezu provozierend langsamen Tempo jeden denkbaren Trennungsschmerz. "That´s How Strong My Love Is" verzichtet überhaupt auf Beats, modisch oder nicht, sondern schwebt daher auf watteweichem Klavier wie eine Elfe auf Abwegen.
Für die Fotosessions zu "The Element of Freedom" hat sie sich hässliche Fingernägel aufkleben lassen, und auf dem Cover schließt sie in einer demütigen Geste die Augen. Und tatsächlich: Während sie sich musikalisch und organisatorisch immer weiter emanzipiert, behält Keys auf der inhaltlichen Ebene ihrer Songs die klassische Position doch streng bei. Exemplarisch dafür ist die Haltung, die sie in "That´s How Strong My Love Is" einnimmt.
Schon die Ausgangsposition der im Song beschriebenen Liebe ist überschattet: "Some people they call me crazy for falling in love with you". Harte Arbeit wartet auf die liebende Frau. Denn Liebe, das ist immer auch ein Kampf gegen alle Widerstände. Aber, und das ist das dem Soul innewohnende Paradoxon, nur die Liebe selbst kann die Leiden, die die Liebe schafft, auch überwinden. Die Liebenden, singt Keys, bauen eine wehrhafte Festung aus ihrer Liebe, die sogar Erdbeben übersteht und neben der die wirkliche Welt als irreal verblasst. Schlussendlich gesundet selbst der qua Geburt verdorbene Mann an der weiblichen Stärke: "I´ll be the woman you need to be a better man." Die Frau als beruhigendes Regulativ in einer Welt, die die Männer in Unordnung gebracht haben.
Kurz und gut: Am weiblichen Wesen soll die Welt genesen. Und den Rest, den besorgt der Allmächtige. Amen.
Mary J Blige: "Stronger with Each Tear" (Geffen/ Universal)
Alicia Keys: "The Element of Freedom" (J Records/ Sony)