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Neues Album von "The Dead Weather": Gut sortierter Schrottplatz

The Dead Weather spielen den brachialen Blues: "Sea of Cowards". Dazu verneigt sich die Band erst einmal vor der heiligen Ursuppe des Stils, indem sie ihren Rock bisweilen erschütternd stumpf spielen. Von Thomas Winkler ( mit Video)

Benutzen aber ein Navigationssystem: Dead Weather.
Benutzen aber ein Navigationssystem: "Dead Weather."
Foto: David Swanson

Man fragt sich, wie der das macht. Millionen Platten verkaufen, Affären mit Hollywoodschauspielerinnen haben, mildtätige Stiftungen gründen, sich von einem Schamanen mit einem Model verheiraten lassen und nicht zuletzt Songs schreiben, die in Fußballstadien gegrölt werden, aber respektabel bleiben. Irgendwie hat es Jack White geschafft, nahezu jede Facette einer Existenz als Weltstar zu bedienen, ohne dass sein Image als coole Sau gelitten hätte.

Das Coole-Sau-Rezept ist überraschend simpel: Der Kopf hinter der bekannten Rockband The White Stripes bleibt sich treu. Was musikalisch vor allem bedeutet: beim Blues. Dessen alte Meister hat White so ausufernd studiert, dass er sie auch auf "Sea of Cowards", dem zweiten Album der von ihm initiierten Supergroup Dead Weather, in aller Ehrfurcht radikal runderneuern kann.

The Dead Weather

Das Album: Sea of Cowards. Warner.

Das Konzert: 1. Juli, Berlin.

Dazu verneigen sich Dead Weather erst einmal vor der heiligen Ursuppe Blues, indem sie ihren Rock sehr stampfend, sehr zähflüssig, bisweilen erschütternd stumpf spielen. Die Gitarren jaulen, das Schlagzeug wird geprügelt, die Stimmbänder nicht geschont. Allerdings durchlöchern White und seine aus anderen, nicht ganz so bekannten Formationen rekrutierten Mitstreiter die brachialen Riffs beständig mit Störgeräuschen, lösen den Blues immer wieder auf in atonalen Ausbrüchen, verorten ihn so in der Moderne und führen ihn gleichzeitig zu seinen ungeschlachten Ursprüngen zurück.

Dead Weather: "Die by Drops"

Der 34-jährige White spielt, im Gegensatz zu den White Stripes, hier nicht Gitarre, sondern Schlagzeug und singt im Wechsel mit Alison Mosshart, die dafür sonst hauptberuflich bei The Kills zuständig ist. Vor allem die Duette der beiden, voll unterschwellig brodelnder Brutalität und sexuellem Verlangen, sind grandiose Geisterbeschwörungen einer Kraft, wie sie wohl nur so archaische Genres wie der Blues hervorzubringen in der Lage sind.

Nur selten, aber durchaus programmatisch, wie um die Ehrerbietung ironisch abzufedern, überschreiten White und seine Kumpane die Grenze zur Karikatur. Was zum einen daran liegt, dass White seine Stimme ins nahezu Mickeymaushafte überdreht, zum anderen am bewusst monotonen Einsatz der Blues-Strukturen.

Von den bisweilen noch in Kellerbühnen anzutreffenden Blues-Seminaristen mit engem Traditionsbewusstsein unterscheidet Dead Weather allerdings ein weiteres, wesentlich ernster zu nehmendes Detail: Ihr Ansatz ist zwar retrospektiv, aber niemals restaurativ. Hier wird akzeptiert, dass selbst eine ideelle Rückkehr auf die Baumwollfelder Alabamas oder ins Mississippi-Delta zu Ende des 19. Jahrhunderts nicht möglich ist. Stattdessen wird der Blues wie ein gut sortierter Schrottplatz geführt: Die alten Wracks werden in ihre Bestandteile zerlegt, nicht mehr funktionierende Teile geschreddert und aus dem Rest neue Gefährte zusammen geschraubt.

Auf "Horehound", dem noch nicht einmal ein Jahr alten Debüt von Dead Weather, war dieser Prozess bisweilen nicht abgeschlossen worden, allzu viele Ersatzteile lagen auf dem Betriebsgelände herum. Auf "Sea of Cowards" aber rollt der Blues frisch poliert durchs Schrottplatztor, die Karosserie wieder intakt und vom TÜV abgesegnet, ausgestattet mit den altmodischen Fischflossen und bordeauxroten Polstern, aber technisch auf dem allerneuesten Stand.

Das Navigationssystem ist inklusive, das hat Jack White schon immer eingebaut. Denn ein Paradoxon bleibt: Wie schafft es dieser Mann, mit solcher Musik, der ihre ökonomische Nichtverwertbarkeit geradezu eingebrannt ist, kommerziell erfolgreich zu sein?

Autor:  Thomas Winkler
Datum:  26 | 5 | 2010
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