Ihre Freunde nennen sie Howie. Nach Howard Hughes. Das allerdings ist eine freundliche Untertreibung. Helen Folasade Adu pflegt eine Scheu vor der Öffentlichkeit, die sogar noch die des legendären Unternehmers, Filmproduzenten und Abenteurers in den Schatten stellt. Absurderweise allerdings verdient Frau Adu ihr Geld in einer Branche, die auf den Zuspruch der Öffentlichkeit angewiesen ist. Denn Frau Adu ist Musikerin und unter ihrem Künstlernamen Sade sogar eine überaus prominente.
Tatsächlich ist Sade die nach Umsätzen erfolgreichste Sängerin, die das britische Königreich je hervorgebracht hat. Mehr als 50 Millionen Platten hat sie verkauft, noch immer geht ihr Erstling "Diamond Life" regelmäßig über die Ladentische. Und das, obwohl die mittlerweile 51-Jährige mit ihrer seit der Gründung 1983 personell unveränderten Band kaum öfter auf Tournee geht als Elvis Presley seit seinem Tod. Auch Interviews gewährt sie nur in Ausnahmefällen, selbst wenn sie dieser Tage "Soldier of Love", immerhin ihr erstes Album nach einer zehnjährigen Pause, bewerben muss.
Dabei sind die reinen Fakten durchaus bekannt: Adu wurde in Nigeria geboren, sie war einmal Fotomodell, sie war verheiratet mit einem spanischen Filmproduzenten, sie ist Mutter einer mittlerweile 13-jährigen Tochter und lebt seit vier Jahren mit einem ehemaligen Soldaten der Marine ihrer Majestät zusammen. Der ehrwürdigen Times verriet sie sogar nun, sie liebe die Arbeit im Vorgarten ihres Anwesens in Gloucestershire. Seit diesem seltenen Interview weiß man auch, dass die Stilikone selbstgedrehte Zigaretten raucht.
Sade hat es geschafft, zum Star zu werden und vor allem einer zu bleiben, ohne die üblichen Mechanismen des Popgeschäfts zu bedienen. Es gibt Kritiker, die meinen, sie könne noch nicht einmal singen. Tatsächlich überzeugt sie schon immer weniger durch ihren Stimmumfang, sondern eher durch ihren einzigartigen Vortrag, der auch dann noch demonstrativ unterkühlt bleibt, wenn es um Liebesleid, Aufopferung, Duldungsbereitschaft und alle weiteren Themen geht, die gewöhnliche Soulsängerinnen zu größtmöglicher Entäußerung nutzen würden.
Doch Sade Adu ist keine gewöhnliche Soulsängerin. Der Titelsong von "Soldier of Love", zugleich die erste Singleauskopplung des Albums, beginnt mit den Zeilen: "I´ve lost the use of my heart but I´m still alive". So abgeklärt, so frei von Emotionen, als wäre das Herz abgestorben, der Körper aber noch am Leben, verhandelt sie wieder einmal die tiefsten menschlichen Gefühle:
Ein Erfolgsrezept, das in den Achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts den Nerv der Zeit traf. Ihr erster Hit "Your Love Is King" und erst recht das kurz darauf veröffentlichte "Smooth Operator" sind bis heute der Inbegriff des Cocktail-Jazz, der unaufdringlichen Barbeschallung. Sade lieferte den perfekten Soundtrack zu einer Dekade, deren Held die seltsame Bezeichnung Yuppie trug. Im Fernsehen jagte Sonny Crockett Verbrecher und führte in erster Linie schicke pastellfarbene Anzüge aus, der gelangweilte "American Psycho" killte Frauen in Serie, geriet aber erst beim Aufzählen von Markennamen in Wallung.
Das "Diamond Life", das Sade beschworen und bis heute von Nu-Jazz-Elektronikern wie Thievery Corporation oder Jazzanova mit avancierteren Mitteln fortgesetzt wird, war vor allem eins: Fluchtpunkt eines Eskapismus, der deshalb nötig geworden war, weil fern im Osten Atomkraftwerke explodierten, vor der eigenen Tür der Wald starb und Deutschland durch die Stationierung von Langstreckenraketen ganz offiziell zum Schlachtfeld eines dritten Weltkriegs erklärt wurde.
Die Zeiten mögen sich geändert haben, Sade nicht. Auf "Soldier of Love" bemüht sich die Band zwar um Variationen: Neben den üblichen, im mittleren Cocktailschlürftempo dahinstolzierenden Songs gibt es auch einige Balladen, die diese vornehme Zurückhaltung aufgeben. Ja, so sehr mitgenommen gibt sich Mrs. Adu mitunter, dass ein Song wie "Morning Bird" die gemütlich pluckernden Rhythmen doch tatsächlich zugunsten eines verloren klimpernden Klaviers aufgibt und nahezu zum Stillstand kommt. An anderer Stelle wird gar mit etwas harscheren Klängen experimentiert, im Titelstück sogar ein Marschrhythmus angedeutet, die allumfassende Weichheit zumindest punktuell aufgebrochen.
Doch grundsätzlich bleibt es vor allem erstaunlich, wie sehr man sich treu bleiben kann: Nicht nur trägt Sade Adu ihr Haar immer noch genauso streng nach hinten gekämmt wie vor einem Vierteljahrhundert, auch "Soldier of Love" ist genauso elegant, so schillernd und glänzend wie es "Diamond Life" dereinst war.
Aber nicht nur musikalisch ist "Soldier of Love" ein geglücktes Comeback, ein weiteres nach Grace Jones oder der Dauerwelle. Es ist also amtlich: Die Achtziger Jahre sind wieder da. Auch atmosphärisch. Die Angst vor dem Atomschlag ist nun die Angst vor dem internationalen Terror, das Waldsterben wurde in Klimakatastrophe umgetauft. Es ist alles beim alten. Sade ist zurück.