Eher versteckt, in schlichter weißer Schrift auf schwarzem Grund, findet sich der Nachruf. "Ron Asheton forever" steht da. Ein kleiner Grabstein in Printform, kaum zu finden auf einem der kleinen Zettelchen, die "The Eternal" beiliegen, dem neuen Album von Sonic Youth.
Asheton ist vor fünf Monaten gestorben. Er war Gitarrist bei The Stooges. The Stooges erfanden, so sehen es viele, vor mehr als vierzig Jahren vorzeitig den Punkrock. Ron Asheton wurde 60 Jahre alt. Sonic Youth, das finden die meisten, haben gegen Ende der Achtziger Jahre Indie-Rock erfunden, wie wir ihn heute kennen. Thurston Moore und Kim Gordon, die den Kurs der New Yorker Band bestimmen, sind beide in ihren Fünfzigern angekommen. Sonic Youth sind, ja doch, nach all den Jahren noch am Leben, und "The Eternal" ist eine Zwischenmeldung aus der Zeitlosigkeit. Fans registrieren, dass Bassistin Gordon und die beiden Gitarristen Moore und Lee Ranaldo erstmals auf einigen Songs gemeinsam singen. Oder dass das neue Bandmitglied, der ehemalige The-Pavement-Bassist Mark Ibold, für eine bewusstere Rhythmusarbeit, weniger Gitarrenexzesse und einen grundsätzlich etwas tiefer gelegten Bandsound sorgt.
Aber das sind Nebengeräusche im Werk einer Band, die nun schon seit Jahrzehnten wie selbstverständlich von ihrem Status als Institution aus operiert. Nicht zufällig übersetzt sich der Titel dieses 16. Albums als "Das ewig Gültige". Sonic Youth haben mit Platten, die zu Klassikern wurden, Auftritten, die Hörgewohnheiten einrissen, und Querverweisen in andere Künste eine Blaupause geschaffen, die von Epigonen oft kopiert, immer wieder verfeinert und weiterentwickelt wurde.
Eine Blaupause von avantgardistischer Rockmusik, an der sie sich selbst bis heute immer wieder abarbeiten, die aber auch längst zum museumsreifen Standard geworden ist. 2007 brachten Sonic Youth ihr bahnbrechendes 1988-er Album "Daydream Nation" wieder auf die Bühne, führten es Note für Note auf, als sei es ein klassisches Theaterstück. Zu einer Ausstellung von Gerhard Richter traten sie im Münchner Haus der Kunst auf. Und seit vergangenen Februar ist in Düsseldorf eine Ausstellung zu sehen, die das weit gespannte Netzwerk aus bildenden Künstlern, Schriftstellern und Musikern dokumentiert, das um die Band herum entstanden ist.
Kein Comeback
Die vielfältigen Verbindungen, die unzähligen Seitenprojekte und Nebentätigkeiten haben Sonic Youth geholfen, der eigenen Musealisierung zu trotzen. Denn auch wenn die Band von ihren Langzeitfans bisweilen konsumiert werden, als seien sie die Rolling Stones des Alternativ-Rock, ist sie selbst stets bemüht, das eigene Erbe nicht nur möglichst gewinnbringend zu verwalten. Weswegen "The Eternal" keine Rückkehr darstellt, kein Comeback, wie es an anderer Stelle gern mal behauptet wird, auch wenn dies das erste Studioalbum seit 2006 ist. Denn mit den Jahren werden die New Yorker eher immer noch produktiver, ihr Ausstoß zunehmend unüberschaubarer. Neben den regulären Alben erscheinen seit 1996 immer wieder experimentelle Versuche in Kleinstauflagen für schwerstabhängige Fans auf dem bandeigenen Label Sonic Youth Recordings.
Auf "The Eternal" bricht sich diese Ausdruckswut immer wieder Bahn, marodieren freiere Formen durch die vorgegebenen Strukturen. Aber die Lust am Experiment wird im Zaum gehalten. Zum einen durch ein strenges Konzept, das jeden Song einem Künstler oder Einfluss wie Yves Klein, Gregory Corso, Neu! oder The Wipers zuordnet (sogar Uschi Obermaier). Vor allem aber durch die selbstgeschaffene Zwangsjacke Indie-Rock, in die sich die Band recht folgsam fügt. Mit "Malibu Gas Station" haben Sonic Youth einen potentiellen Hit geschrieben und mit "Walking Blue" sogar etwas wie eine bittersüße Ballade aufgenommen.
Trotzdem: Im dosierten Einsatz von Chaos, in der bekannt hintergründig ziselierten Gitarrenarbeit und dank gezielter atonaler Ausbrüche lösen sich Moore und seine Mitstreiter aus der Fessel allzu einengender Strukturen. Von der Pein eines stumpfen Rockriffs erlöst noch immer relativ zuverlässig ein windschiefes Gitarrensolo, die Vorhersehbarkeit einer traditionellen Songstruktur wird erfolgreich gebrochen durch rüde Harmonieverschiebungen. Es ist wohl so: Die Geister, die Sonic Youth riefen, gehorchen ihnen immer noch. Und lassen sich überraschend problemlos verscheuchen.
Sonic Youth: "The Eternal"
(Matador/
Beggars Group/
Indigo)