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Neues aus der Blues-Ecke: Ganz schön frech

Blues ist was für Spießer, deshalb fallen Neuerungen auch so schwer. Doch mit dem Gitarristen Joe Bonamassa und seinem neuen Album "Black Rock" kommen sie zweifelsfrei in die Welt. Von Christian Schlüter

Der Blues-Gitarist Joe Bonamassa.
Der Blues-Gitarist Joe Bonamassa.
Foto: Rick Gould ICP

Der Blues ist keine Musik nur für traurige Menschen. Der Blues ist auch eine Musik für Spießer. Und das ist gut so! Überraschungen nämlich mag der Blues-Liebhaber nicht unbedingt. Er möchte sich auf bewährte Harmonien und Rhythmen verlassen können.

Zugeständnisse werden, wenn überhaupt, beim Klang gemacht, Variationen allenfalls noch bei der Stimme geduldet. Obwohl auch hier die strenge Maxime gilt, dass alles ehrlich und wahrhaftig zu sein hat. Der Schmerz und der Verlust, und genau davon handelt der Blues zumeist, dulden keine Spielchen. Traurigkeit befiehlt uns einen heiligen Ernst.

Tun wir mal für eine Sekunde so, als sei das alles richtig. Dann muss die Musik von Joe Bonamassa schon wie eine Zumutung daherkommen. Der New Yorker Gitarrist wurde erst 1977 geboren, fing bereits mit vier Jahren unter der Obhut seines Vaters, der ein Gitarrengeschäft besaß, das Spielen an, stand schon im Alter von zwölf Jahren mit keinem Geringerem als B.B. King auf der Bühne und gründete wenige Jahre späte seine Band Bloodline Bonamassa galt also lange Zeit als eine Art Wunderkind im Blues-Betrieb, und wie bei vielen Frühvollendeten gefiel er vor allem den Traditionalisten.

Dann aber, es war im letzten Jahr, veröffentlichte er das Album "The Ballad of John Henry", und was bislang nur zu ahnen war, wurde zur Gewissheit: Bonamassa werkelt an einem ganz eigenen Blues-Projekt. Mit dem jetzt veröffentlichten Album "Black Rock" setzt er es nun fort und übetrifft es sogar. Blues ist immer auch Repertoire-Musik, machen wir uns da nichts vor, es geht hier genauso konservativ zu wie bei Oper und Klassik. Deswegen fallen Neuerungen auch so schwer.

Und deshalb finden wir auf dem neuen Album selbstverständlich auch Referenzen an die Meister und Begründer des Fachs, etwa an Bobby Parker oder Blind Boy Fuller. Doch belässt es Bonamassa eben nicht dabei.

Zu den schönsten Ausreißern gehört gewiss die eigenwillige Interpretation von Leonard Cohens "Bird On A Wire" - es fängt mit einem reichlich folkloristischen und deshalb in Vierteltonschritten mäandernden Klarinettenintro des griechischen Virtuosen Thanasis Visilopoulos an und geht dann in bluesige, von seinem Bouzuki spielenden Kollegen Manolis Karadins phrasierte Linien über, bis endlich Bonamassas Gitarre und Stimme die Führung übernehmen.

Leonard Cohen hätte sich bestimmt nicht träumen lassen, dass ihm einmal so viel Gutes widerfährt. Erstaunlich übrigens auch der Klangreichtum, den Bonamassa auf seinen elektrischen - bevorzugt eine Gibson Les Paul - und vor allem akustischen Gitarren erzeugt. Das tendiert mitunter zur orchestralen Prachtentfaltung, wie sich eindrucksvoll bei seiner Komposition "Blue and Evil" hören lässt.

Den Trauerflor wegspielen

Womit wir dann auch beim Neuen wären, das mit Bonamassas Kunst unzweifelhaft in die Welt kommt. Der Gitarrist greift gerne aus in eher größere, eben orchestrale oder auch ornamentale Dimensionen, und gerade die Lust an der Verzierung konterkariert nachhaltig den amtlichen Blues-Purismus.

Bonamassa hat durchaus ein distanziertes Verhältnis zum musikalischen Material, und so ist es vor allem seine Verspieltheit, die allen Trauerflor hinter sich lässt und sich auch unerschrocken gegenüber der Majestät des Ernstes zeigt. Bei seinen Tüfteleien wird ihm überdies auch die Ferne zur Heimat geholfen haben, "Black Rock" wurde in dem gleichnamigen, im griechischen Santorin gelegenen Studio aufgenommen. Ein sonniger Ort.

Bonamassas überaus leichthändiges Spiel führt den Blues in ihm fremde Regionen. "Athens to Athens" beispielsweise verwendet ihn nur noch als Traditionsbestand von folkloristischen Rang, der sich mit anderen Folkloretypen, etwa griechischen, geschmeidig amalgamieren lässt. Das ist schon ganz schön frech.

Noch frecher allerdings ist, dass Bonamassa dies mit einem extrem trockenen, leicht hohl klingenden Vintage-Gitarrenton tut, der so klingt, als wolle er sich in Sachen Purismus und guter alter Zeit von niemanden übertreffen lassen. Auf "Wandering Earth", dem vielleicht aufregendsten Stück des Albums, wird so in wüstentrockener Manier der Blues in seine Einzelteile zerlegt. Ein Hochamt für alle Freunde, Feinde und Liebhaber des Blues. Nie war er so wertvoll wie heute.

Autor:  Christian Schlüter
Datum:  31 | 3 | 2010
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