Ein eigenes Festspielhaus bei Füssen wurde jahrelang mit Franz Hummels berühmtestem Werk bespielt, dem Musical " Ludwig II. - Sehnsucht nach dem Paradies", das offenbar von 1,5 Millionen Menschen besucht wurde. Genie und Wahnsinn treiben den vielseitig produktiven Komponisten stofflich weiter um, und so können wir ihn und uns in seiner jüngsten Oper "Zarathustra" (Auftragswerk des Theaters Regensburg) bei guten Bekannten erleben. Zwar nicht der legendäre Bayernkönig, wohl aber Wagner gehört zur Personage des von Sandra Hummel (der dichtenden Ehefrau des Komponisten) geschickt aus üppigen Textquellen der Nietzsche-Sphäre destillierten Librettos.
In 14 Szenen geht es um die Lebensstationen des sprach- und gedankentrunkenen Philosophen. Doch bleibt es nicht bei einem chronologisch-biografischen Puzzle. Als Parallel-Ebene wird die tänzerische Imagination des rätselhaft-dithyrambischen Nietzschepoems "Also sprach Zarathustra" eingearbeitet. So ist eine "Ballettoper" entstanden mit dem Tanz als integralem dramaturgischen Faktor wie etwa in der barocken Operntradition Lullys und Rameaus.
Eine ingeniöse Idee, denn Tanz (auch in Verbindung mit einem der Lieblingswörter des dionysischen Autors als "Tanz der Sterne") gehört zu den Leitbegriffen von Nietzsches Zarathustra-Visionen. In der ebenso phantasievollen wie eindringlichen, durchaus auf klassischem Bewegungsvokabular basierenden Choreografie von Olaf Schmidt wurde, solistisch und in Gruppenbildern, demnach eine eigene, geheimnisvoll mit der Dichtung korrespondierende "abstrakte" Geschichte erzählt, auf ihre Weise unergründlich wie das immense Nietzschepoem. Und Hummels zupackend-versierte Theatermusik versteht sich besonders gut als ein anregend-involvierendes körpertheatralisches Medium.
Auch sonst ist Hummel um treffend-trefflichen musikalischen Ausdruck nicht verlegen. Was komponiert man, wenn doch alles von den Altvorderen schon wegkomponiert zu sein scheint? Recht einfach: Man bedient sich des allseits Vorhandenen und durchmischt es kräftig polystilistisch. In einigen zentralen Episoden erinnert sich (neben vielerlei Zitieren) Hummel auch an seine Songpraxis und pflegt so etwas wie eine multistilistische Halbmusicalästhetik, was sich bei den deftig ironischen Blicken auf das Haus Wahnfried und Nietzsches erotische Ménage à trois mit Paul Rée und Lou Andreas Salomé prächtig macht.
Im Schlussteil wird die Musik wieder ernster und hintergründiger, abgesehen vielleicht vom etwas plakativen finalen Irrenhausbild, das die bedeutendsten kulturkritischen Sentenzen Nietzsches (und als finalen Peitschenhieb das unvermeidliche "Gott ist tot")in den Rahmen eines aufgekratzten Narrenspektakels (das pure Gegenteil von Strawinskys subtilem "The Rake´s Progress"- Idiotenspital) stellt.
Auch hier profitiert Hummel musikalisch von erregt-extremen Ostinato-Figurationen nach Art Janaceks, von dem er auch den Topos tiefer Bläserwände, flankiert von Streichergewusel in hoher Lage, übernimmt.
Regensburgs Intendant Ernö Weil machte die Novität zur Chefsache und inszenierte konzentriert und mit dem Blick aufs Wesentliche, entscheidend unterstützt von variablen Innenräumen, die das Motiv fragmentierter und "verrückter" Perspektiven variierten (Bild: Karin Fritz). GMD Tetsuro Ban gab auch den Kollektiven (wichtiger Chorpart, teils aus dem Off) Profil. Darstellerisch differenziert und baritonal profund der Nietzsche von Kai Günther. Als gehörig süffisant gezeichneter Gegenspieler Richard Wagner: Markus Ahme. Wie es aussieht, wird Hummels effektvolle Nietzscheade in Regensburg zu einem großen Publikumserfolg.
Theater Regensburg, 16., 21., 26., 30. Mai 2010. www-theaterregensburg.de