So lange der Vorhang im Festspielhaus Baden-Baden geschlossen bleibt, ist alles gut. Die Ouvertüre zu Rossinis "Barbier von Sevilla" beginnt bei Thomas Hengelbrock nicht mit einem schneidenden, brutalen Orchestertutti, wie das sonst häufig zu hören ist, sondern mit einem vitalen Weckruf, der verführt, nicht vergewaltigt. Tänzerische Leichtigkeit liegt über der Szenerie. Man entdeckt Verzierungen, die man nicht kennt - die Streicher flüstern zärtlich ihre Begleitfiguren. Und auch, wenn das Allegro con brio beginnt, und sich das Tempo um mehr als das Doppelte beschleunigt, bleibt die Eleganz erhalten, die in der fantastischen Akustik des Festspielhauses in jeder Nuance erlebt werden kann. Dann öffnet sich der Vorhang.
Bereits nach wenigen Augenblicken ist klar, dass Bartlett Shers Inszenierung da nicht mithalten kann. Ein gepuderter Mann mit Perücke, goldenem Gehrock und Schnallenschuhen (Dr. Bartolo alias Maurizio Muraro) sitzt schlafend auf einem Stuhl, ein schrulliger Alter mit weißem langen Haar, der ein bisschen aussieht wie Catweazle (Rob Besserer als Diener Ambrogio), geistert wirr über die Bühne (Kostüme: Catherine Zuber). Dieser Ambrogio wird im Laufe des Abends noch mehrfach einschlafen, eine Rolle rückwärts machen, von einer Explosion zerzaust und von einem Orangenbaum begraben werden (Bühne: Michael Yeargan). Witzig ist leider nichts davon.
Bartlett Shers Inszenierung, die 2006 in der New Yorker Metropolitan Opera Premiere hatte und live in die Kinos der USA übertragen wurde, setzt auf flachen Klamauk und opulente Kostüme. Kein Wunder, dass der Regisseur, der seine Mantel- und Degen-Ästhetik schon im Sommer in "Roméo et Juliette" bei den Salzburger Festspielen vorführte, normalerweise Musicals in Szene setzt. So ist das manchmal bei Opernproduktionen im Festspielhaus Baden-Baden. Ein erstklassiges Solistenensemble, ein inspiriertes Orchester und ein charismatischer Dirigent treffen auf ein szenisches Allerlei.
Anlässlich des 10jährigen Jubiläums des erfolgreichen Hauses hatte Intendant Andreas Mölich-Zebhauser vor wenigen Wochen noch das Ende des Regietheaters verkündet und versprochen, im Festspielhaus Baden-Baden eine neue Regieästhetik zu entwickeln, die wie einst im Neu-Bayreuth der Nachkriegsjahre Abstraktion mit psychologisch ausgeloteter Personenregie verbindet. Mit solch altbackenen, zwischen Kostümball und Komödienstadl angesiedelten Inszenierungen wird er dieses Ziel nie erreichen.
Musikalisch funkelt dieser "Barbier". Neben Hengelbrock ist das das Verdienst des auf historischen Instrumenten spielenden Balthasar-Neumann-Ensembles. Das Parlando der Rezitative wird vom genau artikulierenden Orchester unterstützt. Immer wieder wie bei "Largo al factotum", der Auftrittsarie des Figaro oder dem vibrierenden ersten Finale ist es das Orchester, das die Rädchen ineinandergreifen lässt und enorme motorische Energie in Gang setzt, in die die Sänger ihre Koloraturen fädeln.
Im Solistenensemble überragt Franco Vassallo als Figaro. Nicht nur durch seinen so beweglichen wie voluminösen Bariton steht er im Zentrum des Geschehens. Mit seiner darstellerischen Präsenz zieht er die Fäden in diesem Spiel der Irrungen und Wirrungen. Da hat es Lawrence Brownlee als Graf Almaviva nicht leicht. Besonders im Lyrischen überzeugt der Amerikaner mit seinem koloratursicheren, leicht knödelnden Tenor und seiner exakten Linienführung. Auch die Rosina von Anna Bonitatibus zeigt diese Leichtigkeit. Und offenbart im tiefen, wohltönenden Mezzoregister, dass sie die Emanzipation von ihrem Oheim Bartolo längst vollzogen hat. Erotische Spannung kommt zwischen Rosina und Almaviva trotzdem nicht auf, was der Regie zuzuschreiben ist. Die übertriebene Mimik und Gestik der Protagonisten scheint der Stummfilmzeit entnommen. Und wenn Almaviva vor Rosina auf die Knie fällt und sie mit ein paar Hüftdrehungen antwortet, dann lächelt man höchstens peinlich berührt.
Die Choristen des Balthasar-Neumann-Chores, die als Musiker bei der Balkonszene ein wenig so aussehen wie die Takatuka-LandPiraten bei "Pippi Langstrumpf" können ihren verstaubten Kostümen jedoch musikalisches Leben einhauchen. Und Thomas Hengelbrock verleiht mit seiner freien Gestaltung der Tempi und seinem großen Sinn für musikalische Atmung diesem vom äußert lachfreudigen Publikum gefeierten "Barbier" jene Natürlichkeit und Menschlichkeit, die zwischen Puder und Perücke nicht zu finden ist.