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Oper "Il Viaggio a Reims": Flieg, Pfeil des Amor, flieg!

Ein Gag jagt den nächsten, immer verdächtig nahe am dröhnenden Slapstick. Matthias Davids glückt an der Staatsoper Hannover die Inszenierung von Rossinis "Il Viaggio a Reims". Von Jürgen Otten

Gefährliches Gängelband: Szene aus Il viaggio a Reims.
Gefährliches Gängelband: Szene aus "Il viaggio a Reims".
Foto: J. Landsberg

Von Wladimir und Estragon, den beiden berühmten Beckett-Figuren, kennen wir das: Wie es ist, wenn man vergeblich wartet, wartet, wartet. Das ganze Leben kann plötzlich aus nicht mehr als aus diesem Warten bestehen, mit ihm angefüllt sein wie ein Luftballon mit heißer Luft, der zu platzen droht. Man kann daraus dann ein Denksystem entwickeln, das dem Warten gleichsam philosophische Qualität zuschreibt. Man kann die Angelegenheit aber auch umdrehen und sagen: Der Zustand des Wartens impliziert die Möglichkeit, das Leben von seiner heitersten Seite her zu begreifen, sprich: es in vollen Zügen zu genießen.

In Rossinis einaktigem Dramma giocoso "Il Viaggio a Reims" geschieht das. Eine illustre Gesellschaft aus lauter Bonvivants, unterwegs auf dem Weg zu den (historisch überlieferten) Feiern aus Anlass der Krönung Karls X., macht Station im Hotel "Zur Goldenen Lilie". Während man auf Pferde wartet, versüßt man sich die Zeit mit allerlei Kabalen und sonstigen Liebesverwicklungen.

Kunstvoll klamottig: Rossinis Oper in Hannover.
Kunstvoll klamottig: Rossinis Oper in Hannover.
Foto: J. Landsberg

Wohlan, dachte sich Regisseur Matthias Davids, der das Opus in Hannover in Szene setzte: die Ära der Postkutschen ist vorbei. Heute fliegt alles, was zwei Beine hat. Also fliegen auch wir.

Das Hotel mutiert zum "Aéroport Charles X" (Bühne: Marina Hellmann). Noch bevor der erste Ton im Graben erklingt, erscheint die Servicekünstlerin Maddalena (Mareike Morr) und macht das Publikum mit den Sicherheitsvorkehrungen vertraut. Das Theater verfüge über zwölf Notausgänge, erklärt sie mit Blendamed-Lächeln, und wenn der Druck auf der Bühne nachlasse, würden keine Sauerstoffmasken herunterfallen; man möge in diesem wahrscheinlichen Fall doch bittschön dem Nachbarn seinen Mund fest auf dessen Lippen drücken. Große Heiterkeit in den Reihen.

Und so geht es weiter. Ein Gag jagt den nächsten, immer verdächtig nahe am dröhnenden Slapstick entlang. Und vermutlich würde dieses dramaturgische Konzept auch gar nicht aufgehen, wenn - und das klingt beinahe paradox -, ja, wenn diese phantastische Musik von Rossini nicht wäre, die unter der Leitung von Gregor Brühl mit exquisitem Espressivo, und wo nötig, auch in vital-virtuoser Herrlichkeit vom Orchester interpretiert wird (an der Abstimmung in den Ensembles dürfte noch gefeilt werden).

Augenzwinkernder Witz

Davids aber hat in die schillernde Partitur von 1824, die passagenweise die Höhe von "Il Barbiere di Siviglia" locker erreicht, mit scharfem Blick hineingeschaut. Und er hat dort diese ganzen emotionalen Girlanden, Verzwirbelungen und Verulkungen entdeckt, die nun auf der Szene zu sehen sind. "Il Viaggio", das wird an diesem vor augenzwinkerndem Witz und Ideen nur so sprühenden Abend deutlich, ist eben nicht mehr als das, was sie zu sein vorgibt: eine komische Oper. Alles ist, wie es scheint. Alles ist Karikatur.

Demgemäß ist auch Corinna (Karen Frankenstein) eine echte, von sich selbst berauschte Operndiva, die allein durch ihr Erscheinen staunende Bewunderung auslöst. Und die, kaum hat sie ihre erste Arie "Arpa gentil" mit einem allerdings betörenden Lyrismus und einigen neckischen Verzierungen unter die Anwesenden gestreut, von diesen sämtlich bekniet wird, wie auch die Zuschauer des - natürlich - im Fernsehen gezeigten events glückselig dahinschmelzen.

Besonders selig ist der deutsche Baron Trombonok (Shavleg Armasi), ein Musik- (und Bratwurst-)Experte vor dem Herrn und hier als Rudolf Moshammer-Adaption von geradezu rührender Ridikülität.

Aber sind sie nicht alle Narren, wie sie da sind? Liebenswerte Wesen, die ihre Fehler gar nicht verbergen wollen und uns gerade deswegen so spiegelnah sind? Davids zeichnet sie so, mit spitzer Feder: etwa die grandios überkandidelte Contessa de Folleville (Nicole Chevalier mit einer fein ausziselierten Arie "Partir, oh ciel! Desio"); oder den eitlen, dabei aber selbstironischen Cavaliere Belfiore (Ivan Tursic) und den backfischig-verklemmten, noch in intimsten Gefühlsmomenten britisch distinguierten Lord Sidney.

Zum Niederknien amüsant aber gelingt die Charakterisierung des seit Adam und Eva unmöglichsten Paares auf Erden: hier die höflich-distanzierte polnische Marquesa Melibea (Monika Walerowicz mit funkelndem Sopran), dort der völlig durchgeknallte russische Graf Libenskof (Sung-Keun Park als ein markiger Tenor mit üppiger Spiellaune).

Wie sich diese beiden in der ausladenden Duettszene aus anfänglicher gegenseitiger Ablehnung mit jedem Takt zusehends in Wallung bringen, und wie sie mehr und mehr von Amors irrlichterndem Pfeil durchbohrt werden, das zeigt uns wieder, wie einfach das Leben, die Liebe und besonders die komische Oper sein können, wenn man sie nicht hypertrophiert oder zersetzt, sondern einfach ihrem Esprit vertraut. Und wenn man, was in Hannover der glückliche Fall ist, ein Ensemble vereint, das unglaublich großen Spaß am eigenen Tun hat. Chapeau!

Staatsoper Hannover: 15., 17., 20., 24., 30. April. www.staatsoper-hannover.de

Autor:  Jürgen Otten
Datum:  13 | 4 | 2010
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