Ringe allüberall. Zum brummenden Kontra-Es aus dem Orchestergraben tropft es auf eine weite, stille Wasserfläche, die wie eine Galaxis im leeren Raum schwebt. Wellenkreise in tiefem Blau bewegen sich nach außen, bis sich in Überblendungen eine runde blaue Scheibe gebildet hat, die aus konzentrischen Ringen besteht.
Die Ringe können sich zusammen, aber auch einzeln bewegen, und die Ringhaftigkeit macht die Welt, die diese Scheibe ist, bewohnbar, gibt ihr Vorder-, Hinter und Untergründe, Oberflächen, schafft Möglichkeiten für eindrucksvolle Lichteffekte und ist ein bewundernswert einfach aussehendes, effektvoll benutzbares und technisch recht komplexes Bühnenbild (Jens Kilian) für den Frankfurter Ring-Vorabend.
In den ersten Minuten des "Rheingold" erscheint die Welt noch gut eingerichtet, die Erde ist eine Scheibe, die Rheintöchter in ihren Glitzerkleidern im zentralen Kreis spielen ihr Spiel. Aber mit Alberich kommt das Streben nach Macht und Reichtum, kommt Unterdrückung und Chaos in die Welt.
Seinen Wert und seine gesellschaftliche Qualität bekommt das Rheingold schließlich erst, nachdem es den Rheintöchtern abhanden gekommen ist. Und wenn der Vorabend die Folie liefert, auf deren Linien- und Konturenwerk sich die Wagnersche Ring-Tetralogie entfaltet, dann ist hier nicht nur eine bemerkenswerte Inszenierung, sondern auch ein tragfähiges, dabei diskretes Interpretations-Gerüst entstanden.
Sebastian Weigle am Pult des Frankfurter Opernorchester überstürzt nichts. Er geht mit gemessenem Tempo voran, alles hat seine Zeit, aber nie zuviel davon; seine Wagnersche Klangwelt besteht aus klaren Konturen und sicher gesetzten Effekten, die die komplexen Bauweisen, motivischen Flechtwerke und die Ideenvielfalt der Musik ins rechte Licht rücken und alles so transparent wie nur möglich machen. Es gibt kein Schwelgen, keine Fermatenorgien und keine dicken Farbaufträge, sondern ein dem dramatischen Fortgang präzise angemessenes, unsentimentales Arbeitstempo.
Und dabei geht es in Vera Nemirovas Inszenierung von Wagners "Rheingold" in der Oper Frankfurt von Anfang an ums Ganze. Die Schöpfungshaftigkeit der Ringwerdung während der Ouvertüre gibt zugleich erste Hinweise auf die Verwandlung von Natur in Reichtum und bereitet zwanglos schon die dritte Szene vor, in der unter der Erde schuftende, versklavte Nibelungen mit dem Hort beschäftigt sind. Vera Nemirovas Inszenierung ist in ihren Deutungen zugleich klar und gegenwartsorientiert wie behutsam. Sie reißt keine Zusammenhänge auf, und sie wird nicht plakativ, sondern achtet auf innere Konsequenz, auf Logik und ständig voraus- und zurückweisende Kontextbildung: Keine forsche Interpretationsarbeit ist das, sondern eine souveräne, durchdachte Entfaltung, in der soziologische Muster nicht das Kommando übernehmen.
Es geht hier um die Ordnung der Welt, um Konfliktlinien zwischen der schimmernden und scheinbar herkunftslosen Macht des alten Geldes und ihrer Verteidigung und Behauptung auf der einen Seite und der aufstrebenden, friedlosen Macht, die aus Triebverzicht, Sklaverei und Düsternis entsteht, auf der anderen. Es geht stets auch um die Gewaltförmigkeit beider. Dass am Ende der Untergang von allem stehen wird, weiß man schon nach diesem Vorabend, wenn die vorerst siegreichen Lichtalben um Wotan ihre Champagnerparty feiern.
Bei aller Präzision des interpretatorischen Zugriffs hat die Inszenierung doch auch immer etwas Skizzenhaftes, das vor allem den Sängern zugute kommt: Sie müssen nicht zu viel spielen, sondern können sich auf die wohldosierte Entfaltung ihrer stimmlichen Präsenz konzentrieren, und das artet nicht in Quälerei aus, weil Weigles Dirigat effektive Unterstützungsarbeit leistet. Die Regie fordert kein psychologistisches Differenzieren, sondern klare, demonstrative Haltungen und Artikulationen. Martina Dike und Terje Stensvold sind ein Götterpaar von irdischem Zuschnitt, mit ausgeprägtem Rollenverhalten und belastbarer stimmlicher Biegsamkeit und Kraft. Jochen Schmeckenbachers komplexer Alberich steckt voller Arglist und Wut und macht die Tiefgründigkeit seiner Partie glaubhaft, und die Arbeitsteilung des Riesenpaares Fasolt und Fafner ist bei Alfred Reiter und Magnus Baldvinsson in überraschend sensibel gestaltenden Händen. Dietrich Volle als Donner (mit Brecheisen statt des germanenüblichen Hammers) poltert herrlich verständnislos herum und hat das reinigende Gewitter als seine Spezialität gewählt.
Der Chef im Ring aber ist Loge. Kurt Streit gibt ihn mit der jungenhaften Harmlosigkeit eines Berufslügners, turnerisch fit und mit dominantem, in allen Lagen souverän geführtem Tenor, ohne metallisches Forcieren und stets noch mit Luft zum Spielen.
So dass das "Rheingold" also viel verspricht, indem es vieles schon eingelöst hat. Wenn die Oper Frankfurt auf diesem interpretarorischen, orchestralen und sängerischen Niveau am "Ring" weiter arbeiten kann, dann steht ihrem Publikum etwas wirklich Bemerkenswertes bevor.
Oper Frankfurt, 5., 15., 22. Mai, 3., 6., 12. Juni. www.oper-frankfurt.de