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Oper Frankfurt: Die Komödie und ihre Kehrseite

Ravels "Die spanische Stunde" und de Fallas "Das kurze Leben" in der Oper Frankfurt.

Salud könnte die unglückliche Schwester der souverän-frivolen Concepción sein; mehr Verwandtschaft ist im Personal der beiden Kurzopern "Das kurze Leben" von Manuel de Falla und "Die spanische Stunde" von Maurice Ravel nicht zu entdecken. Beide handeln auf unterschiedliche Weise von Liebe und Treue, aber schon die musikalischen Konzepte weisen wenig Ähnlichkeit auf: Während de Falla sich stark auf das Flamenco-Idiom stützt und dessen Pathos affirmativ behandelt, verwendet Ravel Elemente spanischer Volksmusik als kommentierendes Vokabular präzise, aber voller Ironie.

Beide Stücke hat das Team um David Hermann (Regie) und Johannes Debus (Musikalische Leitung) an der Oper Frankfurt mit einer konzeptionellen Anstrengung zu einem Opernabend zusammengezogen. Das Gemeinsame beider Werke wird vor allem im Bühnenbild sinnfällig, das spekulativ, aber nachdrücklich einen Zusammenhang behauptet. Dessen Pendant erscheint in den Partituren in einem perkussiven Element - in der "spanischen Stunde" sind es tickende Uhren, im "kurzen Leben" Hammerschläge in einer Schmiede, die die Zeit teilen und als Memento mori an ihr Vergehen erinnern.

Zu dieser Mahnung verhalten sich beide Stücke so pointiert unterschiedlich, dass es plausibel wird, ihr Bühnenbild als Vorder- und Rückseite eines spanischen Traums zu gestalten. Während die Uhrmacherwerkstatt in Ravels beschwingtem Einakter eine ordentliche gesellschaftliche Schauseite repräsentiert und die erotische Testreihe der Concepción in einem verborgenen Raum dahinter stattfindet, ist die Bühne des kurzen Lebens der Salud eine Müllhaldenlandschaft, in der menschliche und dingliche Verwertungsreste gelandet sind. Christoph Hetzers Bühnenbild nutzt effektvoll die dramatischen und erzählerischen Möglichkeiten der Drehbühne, und Hermanns Regie gibt dem ans Publikum gewandten Schluss-Quintett in Ravels Einakter die Funktion einer Schaltstelle.

So dass also die hinreißend intelligente Leichtigkeit und geistreiche Ironie, die Ravels Musik der Komödie Franc-Nohains gegeben hat, einen tiefen Resonanzraum erhält, und die fast filmmusikalische Beweglichkeit in Ravels Musik verschafft diesem Stück einen Publikumsvorteil. David Hermanns Regie setzt auf komödiantische Eleganz und zuweilen burleske Zuspitzung der ironischen Elemente. Johannes Debus arbeitet die wendungsreiche Beredsamkeit der Partitur prägnant heraus, pointiert die schnellen Klangwechsel und das rhythmische Vokabular, und das Museumsorchester klingt bei all dem schwelgerisch und präzise zugleich.

Die fünf Solisten tragen gemeinsam den Oberflächeneindruck heiterer Leichtigkeit. Claudia Mahnke ist eine starke, klar intonierende Concepción, Daniel Behle als Dichter Gonzalve mobilisiert großen Tenor-Schmelz, Hans-Jürgen Lazar als Uhrmacher Torquemada ist ein geistesgegenwärtiger Kleinbürger, Simon Bailey ein überraschend beweglicher Bankier Gomez, Aris Argiris ein sinnlich präsenter Ramiro. Jeder übertreibt auf präzise Weise maßvoll, so dass die Komödie sich auf ein fünffach ausbalanciertes Gleichgewicht stützen kann. Und dann kommt die Kehrseite.

De Fallas Zweiakter hat es schwerer. Er braucht Gewicht, wo vorher Leichtigkeit herrschte; er produziert zielgerichtete Dramatik, wo zuvor Beredsamkeit zählte. Daniel Hermann hat die Geschichte aus ihrem folkloristischen Kontext gelöst. Salud ist einerseits von Anfang an todgeweiht, andererseits wehrhafte Rotkreuzlerin im subproletarischen Milieu. Dass de Fallas Schmiede einer Müllhalden-Kleinlandschaft gewichen ist, ist konsequent, weil das Stück in der Tradition des Verismo nicht nur das alte Lied von Liebe und Tod singen, sondern auch soziale Gefälle thematisieren will. Hermanns Regie aber führt, indem sie sich über den naiven Unterton hinwegsetzt, zu Reibungen zwischen Musik und Szene, die mal als Fallhöhe erscheinen, mal als dramaturgische Flucht nach vorn: Der Flamenco etwa, thematischer und musikalischer Grundstock, wird im zweiten Akt choreografisch zum artistischen Table dance umgedeutet (Choreografie: Nir De Volff), das spanische Drumherum der finalen Hochzeitsgesellschaft ist ein papageienhaft buntiges Kleinbürgervergnügen, in dem Emanuel Egmont (Gitarre) und José Parrondo eine nostalgische Flamenco-Insel bilden.

Auch bei de Falla gibt es keine psychologische Charakterführung, eher ein Sortiment mythologischer Figuren, die eine vorgezeichnete Entwicklung durchmachen und wenig Nuancierung zulassen. Die Frauen müssen dabei leiden. Barbara Zechmeister als Salud tut das mit ausdrucksvoller Intensität, Elisabeth Hornung als La Abuela mit expressiv hilflosem Zorn. Der betrügerische Paco (Gustavo Porta) und der rachelüsterne Sarvaor (wiederum Simon Bailey) sind kraftvoll artikulierende Antipoden. Und der Abend in der Oper Frankfurt ist ein Vergnügen, das nicht überwältigt, sondern erst im Ineinander von Gegensätzlichkeit und Kongruenz entsteht.

Oper Frankfurt: 28. Februar, 5., 11., 22., 28. März.

Autor:  HANS-JÜRGEN LINKE
Datum:  24 | 2 | 2009
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