Die „Zauberflöte“ steht seit 20 Jahren in stets der gleichen Inszenierung, aber mit immer neuen Besetzungen im Spielplan der Oper Frankfurt. Sie war am 6. April 1991 bei der Eröffnung des Hauses nach dem Brand die erste Premiere, Regie führte Alfred Kirchner, die Ausstattung stammte von Michael Sowa. Im November wird die „Zauberflöte“ zum elften Mal wieder aufgenommen. Ein anderer „Rekordhalter“ ist „La Traviata“, ebenfalls aus dem Jahr 1991, inszeniert von dem 1993 verstorbenen Axel Corti. „La Traviata“ lief zuletzt Ende 2009, auch schon zum elften Mal.
Die beiden populären Werke sind nur zwei von vielen im Spielplan. Ein Musiktheater von der Größe der Frankfurter Oper käme ohne das über Jahre erarbeitete Repertoire gar nicht über die Runden. In der vergangenen Spielzeit gab es 15 Wiederaufnahmen, die insgesamt 93 Mal gezeigt wurden, dazu 13 neue Produktionen mit insgesamt 85 Vorstellungen. In der neuen Saison führen die 13 Neuproduktionen leicht mit 97 Aufführungen, die 14 Wiederaufnahmen laufen 81 mal. Die Spielzeit beginnt am Sonntag, 29. August mit der Wiederaufnahme der „Hochzeit des Figaro“, als erste Premiere folgt eine Woche später „Medea“ von Aribert Reimann in deutscher Erstaufführung.
Bernd Loebe, Intendant der Oper Frankfurt seit 2002, bekennt sich ausdrücklich zur „Traviata“ und zur „Zauberflöte“, obwohl beide Inszenierungen lange vor seiner Zeit entstanden sind. Eigentlich wollte er „La Traviata“ schon auslaufen lassen, stellte aber fest, dass die Inszenierung nichts von ihrer Aura eingebüßt hat. Natürlich ist auch die Kasse wichtig. „Die Zauberflöte“, „La Traviata“ und die ähnlich beliebte „La Bohème“, die den Spielplan über Weihnachten und Neujahr 2009/2010 dominierten, brachten der Oper eine Platzausnutzung von 94 Prozent. Über die Feiertage, meint Loebe, gebe es „eine Sehnsucht nach Harmonie“, da sei es richtig, die „Zauberflöte“ im Programm zu haben. Auch sei der Wunsch der Stadt an die Theater, auch für ein großes Publikum zu spielen, legitim.
Zudem könne man mit den Einnahmen schwierigere Projekte finanzieren, zum Beispiel Brittens „Billy Budd“, das bei der Wiederaufnahme in diesem Frühjahr eine Platzausnutzung von 70 Prozent erreichte, was nicht schlecht ist für das in Deutschland wenig bekannte Werk. Eine wichtige Funktion von Wiederaufnahmen besteht schließlich auch darin, neben Standardwerken selten gespielte Opern im Repertoire zu halten.
Wie aber erhält man die Qualität älterer Produktionen? Der Dirigent Hartmut Keil und der Regisseur Fabian von Matt, die häufig ältere Produktionen aufpoliert haben, berichten, für eine Wiederaufnahme seien immerhin zehn Probentage angesetzt. Das könne trotzdem knapp sein. Meist gebe es nur eine Orchesterschlussprobe, und bei einem Werk mit großem Chor wie Boitos „Mefistofele“ konnte kürzlich jede Chorszene nur einmal geprobt werden. Das bereitet vor allem neuen Chormitgliedern Schwierigkeiten, die die Oper noch nie gesungen haben.
Das wichtigste Arbeitsmaterial für die Einrichtung einer Wiederaufnahme ist, neben Video-Aufnahmen, das Regiebuch. Das Regiebuch aber muss immer wieder interpretiert werden. Einen „Wutausbruch“ etwa kann man verschieden gestalten. Sehr hilfreich ist es, wenn Personen beteiligt sind, die schon bei der Premiere oder früheren Neustarts dabei waren. Beim Ensemble, so Keil, sei es ideal, wenn die Hälfte der Sänger die Aufführung schon kenne und nur der Rest neu sei.
Jede Wiederaufnahme hat spezifische Probleme. Das kann an Beteiligten liegen, wenn zum Beispiel ein Gastdirigent Striche des Premierendirigenten aufmachen will oder wenn ein Gastsänger mit der Inszenierung nicht zu Rande kommt. Auch die für die Wiederaufnahme Verantwortlichen würden manchmal gerne etwas ändern. Wenn möglich, wird mit dem Original-Regisseur geredet; oft stimmt er Änderungen zu.
Es gibt aber auch Probleme, die in der Sache begründet sind, etwa bei Brittens „Turn of the Screw“, (ab 9. Oktober). Die Inszenierung ist stark durch das Bühnenbild geprägt, für die Sängerdarsteller erscheint sie unkompliziert: Kleine Aktionen, fast statuarische Momente. Aber Fabian von Matt widerspricht: Gerade das kleinteilige Spiel – Blicke, Reaktionen, schnelle Wechsel – sei für die Sänger schwieriger als etwa einen Akt in einem großen Bogen durchzuspielen.
Zudem ist die Bühnentechnik besonders anspruchsvoll. Christian Pade (Regie) und Alexander Lintl (Bühnenbild) arbeiteten 2002 mit hohen Glaswänden, mal durchsichtig, mal undurchsichtig, und spielten mit Licht und Schatten. Zwar sind Lichteinsätze und -bewegungen überwiegend computergesteuert, aber einiges muss auf Sicht gefahren werden, zum Beispiel wenn ein Sänger genau im Lichtkegel stehen soll: „Hunderte von Bewegungen, die hinter der Bühne gleichzeitig stattfinden und von denen der Zuschauer kaum etwas ahnt.“ Eine besondere Herausforderung sind die schauspielerisch genau gearbeiteten Mozart-Inszenierungen von Christof Loy, „Die Entführung aus dem Serail“, „La clemenza di Tito“ und „Cosí fan tutte“.
Kann man dieses differenzierte Spiel auf neue Sänger übertragen? „Loy möchte am liebsten nicht umbesetzen“, sagt Loebe, was aber meist nicht zu realisieren ist. Mozarts Ensemble-Opern bieten gute Chancen für Sänger des Ensembles, in wichtige Rollen hineinzuwachsen. Für die Premieren, so Loebe, ist die Besetzung drei bis vier Jahre vorher festgelegt, bei Wiederaufnahmen disponiere man kurzfristiger, könne auf die stimmliche Entwicklung einer Sängerin oder eines Sängers eingehen. Meist sind mehrere Mitglieder des Hauses beteiligt, oft in Rollendebüts. So kann ein eingespieltes Ensemble entstehen, Aufführungen können im Laufe der Zeit durchaus homogener, lebendiger werden.
Das bedeutet aber, dass gerade gute Inszenierungen nicht sklavisch nachgespielt werden sollten. Jeder, der auf die Bühne kommt, hat seine Eigenarten. „Er muss die Grundkonzeption mit der eigenen Sicht kombinieren – Frische statt Schablonen“, sagt Loebe. Bei den Mozart-Opern haben die Figuren kaum isolierte Soloauftritte, sondern reagieren auf Mitspieler. Da ist nicht entscheidend, ob jede Geste genau so aussieht wie vor Jahren; wichtiger ist, dass sie mit Leben erfüllt ist.
Es gibt auch Wiederaufnahmen mit Premieren-Charakter. So war es, als 2009 Christine Schäfer in der zweiten Aufführungsserie von „Lucia di Lammermoor“ ein halbes Jahr nach der Premiere die Titelpartie übernahm. So wird es wohl sein, wenn am 3. April 2011 Sebastian Weigle zum ersten Mal Christof Nels „Tristan und Isolde“-Inszenierung von 2003 dirigiert.
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