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Musik

01. Januar 2016

Operette: Und ob es ihn gibt!

 Von Bernhard Uske
Feine Expression: Daniel Behle in „Der Graf von Luxemburg“.  Foto: Wolfgang Runkel

Franz Léhars „Der Graf von Luxemburg“, konzertant und stimmlich geschliffen in Frankfurts Oper.

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Wahrscheinlich ist der Titel „Graf von Luxemburg“ im kollektiven Unterbewusstsein deutscher Musikfreunde nicht so sehr wegen der 1909 herausgekommenen Operette von Franz Lehár lebendig geblieben, sondern wegen Dorthe Kollo und ihrem 1968 die Hit-Parade stürmenden Schlager „Oh Pardon, sind Sie der Graf von Luxemburg / Oh Pardon, sind Sie der große Mann von Welt?“ Dorthe Kollo, damals die bessere Hälfte René Kollos, hatte mit dem aus ein paar Intervall-Modulen der Operette geschaffenen Schlager im Klang des Orchesters Hugo Strasser einen wahren Ohrwurm in Bewegung gesetzt: „Oft schon hab’ ich mich gefragt / Ob es ihn wirklich gibt, /Von dem die Operette sagt, / Dass er so fürstlich liebt.“

Zum Silvester-Abend hat die Oper Frankfurt das Thema aufgerollt – als Premiere und Frankfurter Erstaufführung. Wie schon im letzten Jahr bei Emmerich Kálmáns „Die Csárdásfürstin“ in konzertanter Form, was die Frage nach der fürstlichen Liebeswirklichkeit allein den Kehlen der bei ihren Notenpulten stehenden Solisten anvertraute. Natürlich auch denen des Chors, der seine bohemienhafte Ausgelassenheit hinter dem Orchester in Reih’ und Glied im nüchternen, zum Orchesterpodium freigeräumten Bühnengehäuse sang.

„Der Graf von Luxemburg“ war nach der „Lustigen Witwe“, die 1905 über die Bühne ging, der nächste große Erfolg Lehárs: eine anscheinend innerhalb kürzester Zeit verfertigte Kreation, die der Etablierung der „Salonoperette“, wie sie Lehár vorschwebte, bestens diente. Mit seiner Schnellschreibe konnte sich der Komponist schon 1910 auch im Kino präsentieren. Dass bereits 1924 ein Film den Titel „Franz Lehár, der Operettenkönig“ trug, spricht für breiteste Popularität. Im Tonfilm der 30er Jahre war der Musiker im Genre der Film-Operette markant vertreten.

Zurück zum „Grafen von Luxemburg“ und seiner Titel-Figur René: Es ist der Typus der Verwechslungskomödie, der allerdings der überdrehte Pfiff einschlägiger Realisierungen abgeht. Dass ein Aristokrat seine nicht standesgemäße Angebetete mittels deren Scheinverheiratung mit einem abgebrannten und dank frischen Geldes geköderten Standesgenossen adeln will, um sie nach Scheidung der Scheinehe ebenbürtig zu ehelichen – das ist der Stoff aller Turbulenzen zwischen Dekolletés, Frackhemden und Wodkagläsern. Dass die Auflösung des eroto-monetären Quidproquo aber zuletzt durch zufällig erfolgende Güter-Restitutionen und Heiratsbefehle vom Zarenhof erfolgt, ist fad wie ein Glas abgestandener Sekt. „Schwamm drüber“ hätte man im Kreise von Fürst Basilowitsch und Graf René gesagt und so tat man es auch in Frankfurt, wo, statt der „Operettenlösung“ allgemeinen Ehe-Umschlusses par ordre du mufti, selbiger durch Einsicht aller Beteiligter als Happy end erfolgte.

Was die typisch operale Konzertant-Steifheit anbelangt, so scheint sie in Frankfurt einer gewissen Stegreif-Beweglichkeit zu weichen. Mit wenigen Mitteln, wie etwa den Notenständern der Sänger, ließ sich szenischer Raum markieren, und mancher Witz zündete auch.

Stimmlich war das Ganze oberste Liga: der René wurde von Daniel Behle gegeben, der, bei gleicher vokaler Geschliffenheit, aber einem Mehr an Verve und feiner Expression, wie ein Nicolai Gedda wirkte. Trefflich und im Schauspielerischen die beste Figur von allen machend, Sebastian Geyer als Baron Basilowitsch. Im Operetten-Mimischen mit ihrer schönen Stimme ganz aufgehend Louise Alder. Sie und Simon Bode mit sehr guter Diktion und schlankem Stimmprofil bildeten das „Buffo“-Paar. Margit Neubauer als Gräfin Stasa Kokozow glänzte mit einem Hauch verruchter Diseusen-Stimmfertigkeit in ihrer kurzen Rolle.

Der Star des Abends war Camilla Nylund als die umschwärmte Sängerin Angèle Didier, mit einer volumenreichen und offensiv geführten, gewichtigen Stimme. Die Leichtigkeit oder Ziseliertheit, die eine Erika Köth oder Anneliese Rothenberger hier hatten, war das zwar nicht – aber glanzvoll unbedingt. Der Chor war tadellos, ebenso das Orchester, das unter der Leitung der taktier-behänden Eun Sun Kim spielte. Für größere Schwebungen und Wölbungen der oft zauberhaft sanften und zarten Musik Franz Lehárs ist hier noch Luft nach oben.

Oper Frankfurt: 3. Januar. www.oper-frankfurt.de

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