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19. Januar 2013

Pantha du Prince: Erkennen, was uns zusammenhält

 Von Markus Schneider
Zu Gast beim Club Transmediale: Hendrik Weber alias Pantha du Prince. Foto: Panthaduprince.com

Er gehört zweifelsohne zu den prominentesten deutschen Techno-Produzenten: Pantha du Prince im Interview über Glockenspiele, Techno in der Philharmonie und sein neues Album „Elements of Light“.

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Er gehört zweifelsohne zu den prominentesten deutschen Techno-Produzenten: Pantha du Prince im Interview über Glockenspiele, Techno in der Philharmonie und sein neues Album „Elements of Light“.

Berlin –  

Hendrik Weber alias Pantha du Prince gehört spätestens seit seinem Album „Black Noise“ aus dem Jahr 2010 zu den prominentesten deutschen Techno-Produzenten. Beim Club Transmediale, der vom 25. Januar bis 3. Februar wieder die internationale Pop-Avantgarde in Berlin versammelt, stellt er sein neues Album „Elements of Light“ vor. Darauf verbindet Weber elektronische Beats mit Glockenspielklängen; er hat es mit dem norwegischen Komponisten Lars Petter Hagen aufgenommen sowie mit einem sechsköpfigen Percussion-Ensemble, das unter anderem auf einem Carillon musizierte, einem Glockenspiel aus 64 Glocken.

Wie sind Sie denn dazu gekommen, mit einem Monsterglockenspiel wie dem Carillon zu arbeiten?

Wir saßen in Oslo nach einem Soundcheck beim Mittagessen, als sich eine Melodie durch die Luft geschraubt hat, die von einem über der Stadt liegenden Carillon gespielt wurde. Eine großartig weit gefächerte Tonfolge – das hatte ich so noch nie gehört, in der Breite der Oktaven und auch in der Klarheit. Normalerweise hört man nur so ein Geläute, das die Leute zum Gottesdienst ruft. Das hier schwebte einfach so in der Luft. Da dachte ich: Damit muss man was machen.

Beim Club Transmediale spielen Sie das Album live und stellen dazu auch ein Carillon auf die Bühne; das ist schon ein ziemlicher Schritt von Ihrer sonstigen Konzertpraxis.

Wir benutzen ein eigens für den Tourbetrieb angefertigtes Miet-Carillon, das mit einem Truck aus Kopenhagen angefahren wird. Klar, das ist was anderes, als wenn ich mit meinen zwei Metallkoffern auf Reisen gehe. Aber ich war gerade auf einem Konzert von Animal Collective, und auch die fahren mit einem Extra-Truck herum.

Schon auf „Black Noise“ haben Sie mit anderen Musikern gearbeitet und deren Sounds mit Ihren Beats kombiniert; wie unterscheidet sich das neue Album davon?

Damals habe ich die Musiker gewissermaßen zur Erzeugung von Klängen missbraucht, mit denen ich meinen Sampler füllen kann, minisekundenlange Geräusche, keine musikalischen Teile. Bell Laboratory dagegen basiert ganz klassisch auf Menschen an einem Klangkörper. Am Computer tastet man sich intuitiv heran, im Dialog mit der Maschine. Jetzt musste ich viel Verantwortung an die Musiker und den Tontechniker übergeben. Ich bin im Grunde nur noch ein Filter, der bloß bestimmte Sachen durchlässt.

Man erkennt auch einen deutlichen Minimal-Einfluss, zum Beispiel in „Spectral Split“, mit fast 18 Minuten die längste Nummer.

Das ist ein Effekt des Entstehungsprozesses. Wir haben teilweise zu den Samples etwas dazugeschrieben oder Samples durch etwas Gespieltes ersetzt, in diesem speziellen Fall ist das eine Figur, die gedoppelt und aufgefächert wird, ebenso wie die Instrumente sich über Melodien und Frequenzen auffächern. Da ist man natürlich bei der Minimal Music und dort, wo sie die elektronische Musik beeinflusst hat – eine Art doppelte Rückkopplung.

Daraus entsteht auch eine Art tribalistischer Effekt.

Mich hat fasziniert, dass die Minimal Music nicht nur europäisch geprägte Kunstmusik, sondern auch afrikanische oder asiatische Motive aufgreift. Entsprechend verschränkt sich das Carillon, das ja als christliches Instrument besetzt ist, mit diesen rituellen Figuren, die aus Afrika stammen oder Bali oder Sri Lanka, wie in einem Spiegel oder durch ein Kaleidoskop. Wenn du eine Synthesizerfigur auflöst, einen Klang durch einen anderen ersetzt, der sich repetitiv fortbewegt, dann landest du eben wie Steve Reich mit der Marimba in der Minimal Music.

Glockenspiele funktionieren zugleich als Percussions- und Melodieinstrument – sind wir damit nicht auch bei einem zentralen Moment der elektronischen Musik seit den Neunzigern?

Das ist der Punkt. Melodic Percussion, wie wir das immer so schön genannt haben. Eine Zwitterfunktion, die einerseits etwas zusammenhält, aber auch eine Öffnung zur Körperlichkeit trägt.

Wird Techno so rituell?

Ja auch, aber da muss man vorsichtig sein. Es gibt eine Neurophysiologin, Hannah Monier, die über rituelle Musiken forscht und darüber, was mit den Leuten, mit dem Gehirn in diesen Musiken passiert. Es geht mir darum, diesen sehr determinierten Glockenklang in einen anderen Möglichkeitsraum zu bringen und damit auch unsere üblichen Konnotationen durcheinander zu wirbeln. Er spielt dann diese rituellen Musiken an, die den Menschen ein Gemeinschaftgefühl verleihen, zum einen Techno, aber genauso afrikanische, pazifische oder indische Musiken, in denen es um die Erfahrung der Gemeinschaft und einer größeren Ordnung geht – erkennen, was uns zusammenhält.

Beim Club Transmediale treten Sie im Hebbel-Theater auf; Sie haben auch schon im Danstheater in Den Haag oder in der Queen Elizabeth Hall gespielt. Ist das nicht schwierig, elektronische Tanzmusik in solchen Räumen aufzuführen?

Wenn die Leute in der Philharmonie aufspringen und anfangen zu tanzen, merkst du, was du mit Musik auslösen kannst – das hatte ich noch nie erlebt! Dieser Moment der Zerrissenheit, der interessiert mich. Der kann die Leute übrigens auch anwidern, wenn die Leute vielleicht diesen körperlichen Effekt gar nicht haben wollen. Es ist ein sehr konflikthaltiger Moment, wenn du zu Technomusik sitzen musst.

Aus dem Progrock kennt man die Begeisterung über den mächtigen Sound von Mike Oldfields „Tubular Bells“. So ein Überwältigungsmotiv ist ja nicht unproblematisch.

„Tubular Bells“ kenne ich nicht, aber die Ansätze, so eine Größe in die Rockmusik hineinzudenken schon. Wobei das Aufspringenmüssen auch ein Frustrationsmoment ist. Die Leute haben zum Teil richtig aggressiv reagiert, wenn wir aufgehört haben, ich habe bitterböse Briefe bekommen, dass es viel zu kurz gewesen sei. Das finde ich dann schon wieder extrem gut. Es vergeht eben nicht alles in Schönheit.

Das Gespräch führte Markus Schneider.

Pantha du Prince + Bell Laboratory: Elements of Light (Rough Trade/Beggars/Indigo);

Konzerte beim Club Transmediale im Hau 1: am 30. 1. (ausverkauft) und 31. 1., jeweils 20 Uhr

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