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Musik

15. März 2015

Paolo Conte in der Alten Oper Frankfurt: Der piemontesische Bär

 Von Volker Schmidt
Verknautscht und doch gut in Form: Paolo Conte in Frankfurts Alter Oper.  Foto: Wonge Bergmann/Alte Oper

Paolo Conte entspannt und immer noch markant in Frankfurts Alter Oper, wo er eine neue Tournee startet.

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Endokrinologen ist die Stimme von Paolo Conte ein Rätsel: Sie scheint bei manchen, vor allem weiblichen, Zuhörern direkt auf den Hormonaushalt zu wirken. 78 Jahre alt ist der studierte Anwalt aus Asti mittlerweile, lehnt in der Alten Oper klein und unscheinbar in verbeulter Hose und knautschigem Jackett überm Pulli, alles in Schwarz und Grau, am Klavier wie ein einsamer Rentner an der Theke – und lässt um sich ein Feuerwerk abbrennen.

Zugegeben, die Stimme hat etwas gelitten mit den Jahren. In den Höhen klingt sie noch, als gurgele Conte täglich mit in Barbera eingelegtem Granit vom Monte Rosa, aber das vulkanische Rumpeln aus den Tiefen ist ein wenig verloren gegangen. Geblieben ist die melancholische Nonchalance, mit der der Mann am Klavier seine halb gesprochenen Zeilen verschlurft, geblieben sind die relaxten Dabdadadada-Vokalisen.

Spaß am Können

Eine zehnköpfige Band steht hinter Conte und vor einem plissierten Vorhang, der je nach Beleuchtung mal nach Bordell, mal nach Barocktheater aussieht. Zehn meist ältere Musiker wechseln einander ab an Fagott und Akkordeon, Querflöte und Klavier, diversen Gitarren, an Percussions und Oboe und Klarinette und Vibrafon, und sie haben einen riesigen Spaß am eigenen multiinstrumentalen Können.

Conte hat eine Art Bella Vista Clubo Sociale um sich versammelt, der ein besseres Europa heraufbeschwört. Ein Europa, in dem bärtige Stehgeiger in gediegenen Grand Hotels das Dinner begleiten. In dem die klarinettenklezmernde Stimme des jiddischen Schtetl ihren Platz noch hat und in das ein Bandoneon voller Erinnerungen an argentinische Tango-Bars zurückgekehrt ist. Ein Europa, das den Jazz liebt, ihn sich einverleibt, nicht nur Halbverstandenes wiederkäut.

„Sotto le Stelle de Jazz“ heißt das erste Lied, und bis zur zweiten Zugabe „Tropical“ reihen Conte und Combo romantische Rumba an französischen Chanson an 20er-Jahre-Ballroom-Blitze. Einen „Snob“ bemurmelt Conte im Titellied seines jüngsten Albums, das im Herbst nach vier Jahren ohne neuen Stoff für die Fans des Cantautore erschien: Italienisch müsste man können, um die lakonischen Lieder mehr als zu erahnen.

Vor allem nach der Pause steppt der piemontesische Braunbär. Wann hört man schon mal Pizzicato-Geige, Bandoneon und Klavier gemeinsam eine Solo-Passage bestreiten? Wann darf sich ein Knopfakkordeon derart austoben? Auch sein Kazoo hat Conte dabei, das bei ihm vom Kinderspielzeug zum virtuosen Saxophonersatz mutiert. Immer wieder muss Paolo Conte minutenlangen Applaus abwarten, bevor er das nächste Lied anzählt. Trotzdem ist nach nur zwei fast ohne Anstandspause angehängten Zugaben Schluss: Mit der internationalen Geste der flachen Hand, die quer über den Hals sägt, zeigt Conte, dass nichts mehr kommt.

Auf die Stimme, sagt eine Zuhörerin hinterher, hätte sie ja fast verzichten können. Aber die Arrangements! Die Harmonien! Die Instrumente! Der Komponist Conte möge es als Kompliment verstehen.

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