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Pat Methenys virtuelle "Orchestrion"-Band: Zauberlehrling in der digitalen Welt

Der Gitarrist und Jazz-Routinier Pat Metheny rollt die Frage nach dem Unerhörten in der Tonkunst von Neuem auf: Er ist Solist und repräsentiert zugleich eine ganze Band. Wie geht das? Von Wolf Kampmann

Pat Metheny geht mit seinem Projekt Orchestrion auf Tour.
Pat Metheny geht mit seinem Projekt "Orchestrion" auf Tour.
Foto: Pat Metheny

Was waren das doch für Zeiten, als man mit Musik nicht nur ästhetische, sondern auch soziale und moralische Mauern einreißen konnte! Als Klang unser Ohr beleidigen und mit noch nie Gehörtem herausfordern konnte. Doch längst gibt man sich auch in der Musik mit Wiederholung und Neubewertung zufrieden.

Der Gitarrist und Jazz-Routinier Pat Metheny rollt die Frage nach dem Unerhörten in der Tonkunst nun vom anderen Ende her auf: Was wurde in der Vergangenheit nicht gesagt, obwohl es hätte ausgedrückt werden können? Mit seinem Projekt "Orchestrion" entführt er uns in eine konstruktivistische Scheinvergangenheit zwischen Jules Verne und Jean Tinguely.

Stellen wir uns für einen Augenblick vor, unsere Welt wäre nicht elektrifiziert, digitalisiert und virtualisiert, und Jules Vernes mechanische Science Fiction wäre Wirklichkeit geworden, eine Umgebung ohne Lautsprecher, synthetische Klänge und mediale Massenbeschallung. Wäre die Musik deshalb stagniert?

Metheny lässt sich mit seinem Projekt "Orchestrion" in die Epoche zurückfallen, in der Forschung noch Abenteuer war. Mit Mitte fünfzig rekapituliert er die Rätsel seiner Kindheit. "Mein Großvater hatte ein mechanisches Klavier im Keller. Das war eine der faszinierendsten Sachen meiner Kindheit. Ich verbrachte ganze Tage unter diesem Gerät, um herauszufinden, wie es funktioniert. Als Gitarrist wuchs ich in eine Welt hinein, in der Stecker, Knöpfe und Computer normal sind. Dieses mechanische Klavier war der Beginn von alledem."

Der unermüdliche Klangforscher hat in den letzten 35 Jahren viele Hauptstraßen und Nebenwege beschritten, aber mit "Orchestrion" erreicht er einen Platz, an dem er sich als Musiker neu definieren muss. Er ist Solist und repräsentiert zugleich eine ganze Band. Wie geht das? Mit einem Sammelsurium mechanischer, pneumatischer und magnetgesteuerter Apparaturen manövriert er von seiner Gitarre aus eine ganze Band, die nur aus ihm selbst besteht. Das klingt vertrackt, doch das konkrete Ergebnis verrät die klassisch entspannte Metheny-Signatur.

Neben der biografischen Komponente gibt es für "Orchestrion" aber auch noch eine klangästhetische. Der clevere Pedant, der vor keiner elektronischen und aufnahmetechnischen Neuerung zurückschreckt, hat ein überraschendes Problem. "Ich misstraue Lautsprechern. Zwar liebe ich die Möglichkeiten der Orchestrierung mittels Synthesizer, aber zugleich wird der Klang durch Boxen manchmal derart verfremdet, dass ich nach einer Lösung suchen musste." So begann er mit Leuten zu arbeiten, die an technischen Alternativen forschten, und glaubte an ein Ensemble, das all diese mechanischen Komponenten vereint.

Bei aller Faszination für die technischen Parameter ist dennoch Skepsis geboten. Metheny gilt als brillanter Kommunikator. Aber weil "Orchestrion" in seiner Klangbilanz eben kein Soloalbum ist, erinnert sein Ansatz ans Internet, das ebenfalls die reale soziale Umgebung durch eine virtuelle ersetzt. Der Mensch spürt seinen Rückzug aus dem öffentlichen Raum nicht, weil soziale Begriffe wie Freund, Chat, Forum oder Community umgedeutet sind. Beschreibt Methenys Bekenntnis zur akustischen Klangwelt vielleicht die Flucht des notorischen Tüftlers aus der Gemeinschaft?

Er selbst weist das von sich. "Ich gebe ja nichts auf. Im Gegenteil, das lässt mich die anderen Seiten meiner Musik umso mehr schätzen. In meinem Haus ist ,Orchestrion´ nur ein weiterer Raum mit neuen Optionen. Ich fühle mich wie ein Maler, der mit Öl, Stiften und Wasserfarben malt. Plötzlich gibt ihm jemand eine neue Farbe in die Hand. Es ist ein Teil meines Ganzen."

Für Metheny erfordert Musik nicht notwendig eine Gemeinschaft von Akteuren. Er verweist auf sein Album "New Chautauqua", auf dem er bereits 1978 im Mehrspurverfahren eine Klangfläche aus eigenen Intentionen generierte. Damals von der Kritik mit Missbehagen aufgenommen, gilt das Album heute als Klassiker. "Ich konnte es aber nie live aufführen", bedauert der Gitarrist. "Es war technisch unmöglich. ,Orchestrion´ hingegen funktioniert auch live. Noch gibt es kein organisches Internet, aber diese Musik ist bereits biologisch. Dinge bewegen sich, greifen ineinander, lösen sich gegenseitig aus."

Bei der Aufführung ist das kinetische Spektakel genauso wichtig wie das Klangergebnis. Die improvisatorischen Spielräume mögen begrenzt sein, aber dem alternden Zauberlehrling Metheny ging es nicht nur um die Erweiterung seiner Räume, sondern auch um die Formulierung ihrer Limits.

Das gegenwärtige Entwicklungsstadium des Projekts markiert bei aller Unvollkommenheit womöglich einen jener Augenblicke, in denen etwas Neues entsteht, gerade weil es auf die ältesten Prinzipien zurückgreift. In diesem Sinne ist "Orchestrion" nicht zuletzt ein Weg zurück zu den Ursprüngen.

Heute, 20 Uhr, Alte Oper Frankfurt.

Autor:  Wolf Kampmann
Datum:  10 | 3 | 2010
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