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Patti Smith in Frankfurt: Bestuhlung und Freiheit

Bei ihrem einzigen Konzert in Deutschland begrüßt Patti Smith das Publikum mit "Free Money" - und lässt die Bestuhlung im ausverkauften Saal sofort grotesk erscheinen. Von Boris Halva

In der Frankfurter Jahrhunderthalle gab Patti Smith ihr einziges Deutschland-Konzert.
In der Frankfurter Jahrhunderthalle gab Patti Smith ihr einziges Deutschland-Konzert.
Foto: dpa

Die Abendsonne taucht den Platz vor der Jahrhunderthalle in mildes Licht. In Grüppchen stehen oder sitzen sie beisammen, die Menschen, die an diesem Abend nach Frankfurt-Höchst gekommen sind, um Patti Smith, die Punk- und Poetry-Ikone der siebziger Jahre, auf ihrem einzigen Deutschlandkonzert zu sehen. "Alles recht gediegen hier", sagt ein Mann.

In der Tat, ältere Herren mit grauem Pferdeschwanz oder drahtige Frauen mit lederner Haut und wallenden Gewändern sind in der Minderheit. Manche haben ihre Kinder dabei, die inzwischen auch schon Ende Zwanzig, Anfang Dreißig sind. Tabak- statt Grasgeruch wabert durch die Luft. Und um kurz nach acht sitzen alle auf ihren Plätzen.

Als wenige Minuten später das Licht gedimmt wird und Patti Smith und Band die Bühne betreten, branden Applaus und Begrüßungsjubel derart auf, dass die Bestuhlung in der ausverkauften Halle mit einem Mal grotesk erscheint. "Every night before I go to sleep", wie eine Offenbarung fluten Patti Smiths erste Worte den Raum. Dabei schwebt die Stimme jener Frau, der man vielleicht nicht zugetraut hätte, dass sie mit 62 Jahren auf der Bühne immer noch diese Energie zu verströmen vermag, die sie schon in den frühen Siebzigern im berühmten New Yorker Club CBGB-s mit ein paar Gedichtzeilen freizusetzen vermochte, klar und kräftig über dem vollen, erdigen Sound der Band; reißt mal nach oben aus, um am Ende der nächsten Zeile schon tief in ihrer Kehle zu versickern. Im Gang tanzt eine Frau wild, ekstatisch. Wer hat eigentlich diese Stühle aufgestellt?

Das Publikum will "more Patti"

Zum schleppenden Beat von "Redondo Beach" verlassen dann weitere Zuhörer ihre Plätze, rechts und links der Bühne bilden sich kleine Menschentrauben. Sie wollen "More Patti". Sie wollen näher an dieser Frau sein, die in dunklem Jackett, Jeans und Lederstiefeln am Mikro steht, ihre Klarinette knatternd aufdröhnen lässt und mit ihren Musikern - bis auf ihren im Hintergrund agierenden Sohn Jackson Smith an der Gitarre und Tony Shanahan an Bass und Keyboards sind es immer noch die Weggefährten aus den ersten Jahren - den Hendrix-Klassiker "Are you experienced" als schwül-monumentalen Rocksong wieder auferstehen lässt. Die Hymne "We shall live again" sei an diesem Abend dem Mond gewidmet, sagt die Sängerin. Dem Mond, den die Erdenwesen schon immer angebetet haben, der den Staub über die Fußstapfen des Menschen weht und hinunter zur Erde lächelt, jede Nacht aufs Neue.

Patti Smith ist ein zurückhaltender Conférencier, sie ist nach wie vor der Poesie verpflichtet, ihre Songs sind ihre Geschichten, ihre Lieder sind ihr Protest, der auch heute noch berechtigt und notwendig ist. Und ihre Lieder haben nach wie vor die Kraft, die Menschen zu bewegen. Diese verdammten Stühle!

Bei "Dancing barefoot" brechen alle Dämme

Bei "Dancing barefoot" schließlich brechen die Dämme. Die Zuhörer in den ersten Reihen stehen auf, die, die bisher am Rande standen, strömen vor, schließen den Graben. Und Patti Smith geht vor an den Rand der Bühne, schüttelt Hände, hängt sich die Tibetfahne eines Fans um, schlendert am Rand entlang, blickt zufrieden in die Gesichter der Menschen, die sich da unten drängen, so als wäre auch sie erlöst von der Starre des räumlichen Arrangements. "Ain-t it strange?" - von da an bekommt der Abend etwas von einem Gesamtkunstwerk.

Zwei Songs später gibt Smith eine ihrer Antworten: "People have the power". Das Lied, das auf dem Ende der Achtziger veröffentlichten Album "Dream of Life" ein bisschen zu gefällig klingt, hat an diesem Abend unglaubliche Kraft. Und es passt zu dem, was wenige Minuten vorher passiert ist und was in gewisser Hinsicht auch auf das Leben übertragen werden kann: Dass man zwar für seine Karte und also seinen Sitzplatz bezahlt hat, aber niemand einen zwingen kann, dort sitzen zu bleiben, wenn man nicht will. Power to the people in Frankfurt-Höchst.

Patti Smith singt "Grateful" bei einer Pressekonferenz in der Slovakei, 18. Juli 2009

Sie legt los, noch einmal. Das rote Aids-Schleifchen am Jackett, das Anti-Atomkraft-Amulett und die Tibet-Flagge werden ergänzt von einer flammenden Rede über "grüne" Hände, die sich in Solidarität mit dem iranischen Volk erheben müssen, überall auf der Welt. "Go, tell it on the mountain", fordert sie. Kaum einer vermag sich der Energie dieser Stimme zu entziehen. "The future is now", ruft sie.

Immerhin, die Fesseln der Stühle haben die Menschen in der Jahrhunderthalle schon abgelegt. Dafür bekommen sie dann auch "Because the night", den einzigen Song - so fühlt es sich zumindest an -, den die fünf auf der Bühne spielen, weil es wohl sein muss. Zum Glück betritt gleich darauf "Gloria" den Raum. Wie viele der Songs des Abends ein bisschen anders arrangiert, klarer im Aufbau, voll Spannung. Einfach: ehrlicher, kraftvoller Rock-n-Roll. Was soll da noch kommen? Natürlich: "Rock-n-roll nigger". Und noch während die Menge lautstark den Refrain "Outside the society, that-s where I wanna be" mitgrölt, dämpfen erste Wehmuts-Schübe das Glücksgefühl. Das ist die Angst vor dem Saallicht danach.

Autor:  Boris Halva
Datum:  21 | 7 | 2009
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