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Musik

30. Dezember 2015

Peter Herbolzheimer: Die guten Väter der deutschen Jazz-Szene

 Von Hans-Jürgen Linke

Der kluge, selbstbewusste, zartfühlende Jazzer Peter Herbolzheimer wäre am 31. Dezember 80 Jahre alt geworden. Es gibt heute kaum einen erwachsenen Jazzmusiker in Deutschland, der nicht von seiner praktischen Musikdidaktik beeinflusst wäre.

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Peter Alexander Herbolzheimer, geboren am 31. Dezember 1935 in Bukarest, Rumänien, gestorben in Köln am 27. März 2010, war durch und durch Musiker. Nach der Umsiedelung seiner Familie aus Rumänien nach Deutschland im Jahre 1951 lernte er zunächst Gitarre, zog aber zwei Jahre später nach Amerika.

In der Fünfziger-Jahre-Bundesrepublik passte ihm vieles nicht, wie er 2004 einem Journalisten verriet, „alles war grau in grau, die Atmosphäre im Vergleich mit Rumänien kalt und unpersönlich“. Er wurde technischer Zeichner bei General Motors, gab Gitarrenunterricht. 1957 ging er zurück nach Deutschland und studierte in Nürnberg am Konservatorium. Von da an war die Posaune sein Hauptinstrument.

Dass er Posaunist war, dass er jahrelang zum Orchester von Bert Kaempfert gehörte, dass er den Bebop und den gefällig-geschmeidigen Tanzkapellen-Swing der Nachkriegszeit beherrschte und verinnerlicht hatte, spielte für seine nationale und internationale Karriere nur eine untergeordnete Rolle. Peter Herbolzheimer schwamm sich von seinen Sideman-Rollen der fünfziger und sechziger Jahre frei und wechselte mehrfach seinen Status in der Musikwelt.

Er gründete im Jahre 1969 die eigenwillig besetzte Bigband Rhythm Combination & Brass mit zwei Keyboards, Gitarre, Bass, Schlagzeug, Perkussion, acht Blechbläsern und einem solistisch besetzten Saxophon. Die Band wurde innerhalb weniger Jahre zum orchestralen Repräsentanten des gerade aktuellen Jazzrock in Deutschland, und Peter Herbolzheimer war das Gesicht dieser Musik. Seine markant übergewichtige Gestalt war früh entwickelt. Er war Komponist, Arrangeur und Bandleader, der hin und wieder noch einmal für ein kurzes, prägnantes Solo zur Posaune griff.

Herbolzheimer wuchs in die Rolle des Protagonisten einer aufregenden, neuen populären Musik hinein, und er brachte den Jazzrock in der Rhythm & Brass-Version an eine breite Öffentlichkeit. 1972 schrieb er zusammen mit Dieter Reith und Jerry van Rooyen die Einzugsmusik für die Olympischen Spiele in München.

Wenige Jahre später war er verantwortlich für die Bläsersätze in Udo Lindenbergs zunehmend populärem Panikorchester, und von 1978 an wurde der freundlich strahlende Musiker mit den erfrischen unkonventionellen Verhaltensweisen und der durchaus selbstironisch untermauerten verbalen Schlagfertigkeit an der Seite von Alfred Biolek zum Mit-Begründer einer neuen Art von unkonventionell-kommunikativem Unterhaltungsfernsehen mit Live-Atmosphäre.

Herbolzheimer ließ sich von Biolek ungestraft als „Mampfred Bogart“ titulieren und nannte sich auf seinen Langspielplatten selbstsicher „Fat Man“. Sein Selbstbewusstsein war längst nicht mehr zu trüben.

Er ließ niemanden ungeduzt

Seine Bedeutung für den Jazz in Deutschland beschränkt sich jedoch keineswegs auf seine Fernsehgängigkeit. Herbolzheimer wollte immer mehr als kommerziellen Erfolg und Rampenlicht. Als 1987 das Bundes-Jugend-Jazzorchester gegründet wurde, gehörte er nicht nur zu dessen Initiatoren, sondern war auch für zwei Jahrzehnte künstlerischer Leiter dieses Ensembles und machte es zu der Kaderschmiede hoch begabter, hervorragend ausgebildeter junger Musiker, die es seither ist.

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So gibt es heute kaum einen erwachsenen Jazzmusiker in Deutschland, der nicht von seiner praktischen Musikdidaktik beeinflusst wäre. Wer bei ihm in die Bigband-Schule gegangen ist, ist in der Regel seither voller Dankbarkeit und Wertschätzung für seine Arbeit. Peter Herbolzheimer gehört zu den oft bewunderten Vätern der aktuellen deutschen Jazz-Szene.

Er gehörte nicht allein als Arrangeur, Komponist und Bandleader dazu. Herbolzheimer war vor allem auch als Kommunikationspartner gewinnend – klug, sensibel beobachtend, voller Wärme, keineswegs nur anpassungsfähig und alert, sondern geistesgegenwärtig, scharfsichtig, authentisch. Er ließ niemanden ungeduzt, und seine fehlende Förmlichkeit strahlte nichts als souveräne Selbstsicherheit aus und keinen Hauch von Anbiederung.

Peter Herbolzheimer wäre heute 80 Jahre alt geworden. Wer da alles zur Geburtstagsfeier gekommen wäre!

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