MTV Video Music Awards
Beyoncé und Eminem sind die Top-Nominierten. Berichte, Bilder, Videos

12. November 2012

Phantom Ghost: Kammermusik mit Pfiff

 Von Jens Balzer
Thies Mynther (l.) und Dirk von Lowtzow bei ihrem Sonntagskonzert Foto: Votos - Roland Owsnitzki

"Pardon My English": Dirk von Lowtzow und Thies Mynther begeistern als Phantom Ghost im Hau 1

Drucken per Mail
Berlin –  

Das musizierende Männerduo Phantom Ghost gehört zu den großen Überraschungen in der deutschen Popmusik der Gegenwart. Aus dem Halbdunkel der kammermusikalischen Kleinkunstunterhaltung mit literarischem Anspruch haben sich Dirk von Lowtzow und Thies Mynther in den vergangenen zwölf Jahren in gleichsam gemächlichem Tempo, aber mit umso beachtlicherer Beharrlichkeit ins helle Licht der hochwertigen Liedkunst für erwachsene Hörer hervorgearbeitet. Ihr aktuelles und nunmehr fünftes Album „Pardon My English“ ist fraglos ihr bislang bestes Werk; es ist melancholisch, ohne müde zu wirken, und reif ohne Ältlichkeit. Die zehn darin enthaltenen Kompositionen tragen Titel wie „Dr. Schaden Freud“ oder „In the Tittery“ und faszinieren den Hörer nicht nur mit gefühlvollem Klavierspiel und gedankenreichen Texten voller geistesgeschichtlicher und naturwissenschaftlicher Bezüge von der freudianischen Psychoanalyse der Jahrhundertwende über die französische Modeschneiderei der Sechzigerjahre bis hin zur Ornithologie (Vogelkunde), sondern auch mit dem schönsten und libidinös ausgepolstertsten Liedgesang, den man sich vorstellen kann.

Dirk von Lowtzow brilliert

Denn im Fach des strahlend optimistischen Operettenbaritons vermag Dirk von Lowtzow inzwischen ebenso zu brillieren wie im brünftig brummenden Bass; und wenn er – wie am Sonntagabend im Hau-1-Theater – leibhaftig auf der Bühne steht, wirkt sein Gesang sogar noch schöner und vielgestaltiger, weil er ihn mit geschickten Gesten ebenso historisch anspielungsreich wie grundlegend allerliebst auszuschmücken versteht, mit dramatisch in die Zukunft weisendem Rudolf-Schock-Arm oder sich ganz zum Bühnenfirmament emporreckendem Körper, mit divenhaft keck gekräuseltem Näschen oder stechendem Protestsängerblick.

Dirk von Lowtzow ist sonst als Sänger der postexistenzialistischen Diskurspopgruppe Tocotronic bekannt, welche alsbald, wie wir an dieser Stelle vielleicht schon einmal verraten dürfen, mit ihrem zehnten Album „Wie wir leben wollen“ ein weiteres unverzichtbares Großwerk für den nachdenklichen Gegenwartsmenschen herausbringen wird. In Phantom Ghost überlässt er sich hingegen ganz seiner Leidenschaft für die Vergangenheit, für ledergebundene Bücher und Technicolor-Filme, für viktorianische Dichtung und Broadway-Musicals der Fünfziger-, Sechziger- und Siebzigerjahre. Sein früher in Gruppen wie Die Regierung oder Die Allwissende Billardkugel beschäftigter Pianist Thies Mynther lässt dazu flink die Finger übers Elfenbein tanzen und sich auch nicht davon irritieren, wenn Lowtzow ihm während des Spiels immer wieder kumpelhaft in den Saitenkasten tatscht.

Virtuos kontrollierte Ekstase

Anderthalb Stunden lang spielten sich Lowtzow und Mynther am Sonntag durch ihren Melodien- und Themenkatalog. In „Universal Prostitution“ befassten sie sich mit dem universalen Verblendungszusammenhang in den Zeiten des Spätkapitalismus: in „Dr. Schaden Freud“ wurde hingegen „overanalyzed“ auf „Poltergeist“ gereimt. Zwischen den Stücken betupfte sich der auf den ersten Blick so viril erscheinende Mynther den schwitzenden Hals zärtlich mit Bachblütentee; in der ersten Zugabe benetzte sich Dirk von Lowtzow mit frisch in ein Glas gefülltem Rotwein die Stirn. In der zweiten Zugabe verkleidete er sich mit einer Matrosenmütze als Käpt’n Iglu und interpretierte den Evergreen „You’re My Mate“ der britischen Kunstsänger Right Said Fred; eine komplexe Nummer, an der man, wie Phantom Ghost bei früheren Gelegenheiten bereits bewiesen haben, leichterdings zu scheitern vermag, die ihnen an diesem Abend aber mit der gleichen virtuos kontrollierten Ekstase gelang wie der Rest des Programms.

Zur Homepage

Jetzt kommentieren

Videonachrichten Musik
TV

Gestern ferngesehen? Wir auch! Diskutieren Sie mit!

Videonachrichten Kultur