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Musik

18. Dezember 2012

Philipp Burger von Frei.wild: Der Volksmusiker

 Von Anne Lena Mösken
Philipp Burger: „Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, wie man als überzeugter Neonazi Frei.wild gut finden kann.“Foto: Paulus Ponizak

Frei.wild ist derzeit eine der erfolgreichsten deutschsprachigen Musikgruppen und gleichzeitig wohl die umstrittenste. Wegen ihrer Texte über Heimatliebe und Gewalt - und weil der Sänger Philipp Burger in seiner Jugend ein Skinhead war.

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Frei.wild ist derzeit eine der erfolgreichsten deutschsprachigen Musikgruppen und gleichzeitig wohl die umstrittenste. Wegen ihrer Texte über Heimatliebe und Gewalt - und weil der Sänger Philipp Burger in seiner Jugend ein Skinhead war.

Berlin –  

Rauch hängt über der Bühne im Velodrom, als Philipp Burger, Sänger der Band Frei.wild, mal wieder versucht, die Dinge richtigzustellen. „Nazis raus!“, brüllt Burger ins Mikrofon. Vorher hat er gerade zu fröhlich rumpelnden Gitarrenriffs gesungen: „Das ist das Land der Vollidioten, die denken, Heimatliebe ist gleich Staatsverrat“. Und: „Ihr seid dumm, dumm und naiv, wenn ihr denkt, Heimatliebe ist gleich Politik.“ In Philipp Burgers Liedern geht es oft um Heimatliebe, darum, Volk, Tradition und Sprache, die eigenen Wurzeln zu bewahren.

Er selbst, der aus Südtirol kommt, und seine Fans, von denen die meisten aus Deutschland kommen, nennen das Patriotismus. Junge Rechte freuen sich über einen neuen Botschafter. Rechtsextremismusexperten finden Frei.wild völkisch-nationalistisch. Günther Jauch lässt in seiner Sendung zum Nationalsozialistischen Untergrund über die Band diskutieren. Und Unbekannte werfen mit Farbe gefüllte Flaschen an die Fassade des Velodroms und malen einen Schriftzug dazu: „Frei.wild angreifen“.

Philipp Burger steht zwischen Flammen auf der Bühne, Konfetti rieselt auf die Köpfe von zehntausend Fans, die bierselig seine Lieder mitgrölen. Wenn Burger sich verteidigt, dann greift er selbst an. „Ich dulde keine Kritik an diesem heiligen Land, das unsere Heimat ist“, singt er zu harten Rockklängen. Kritiker werden in seinen Texten zu Feinden, seine Lieder zu „Bomben“, die auf jene niedergehen.

Mit seiner Musik schaffte Frei.wild es 2010 auf die WM-Fanmeile an der Siegessäule und schon zweimal auf Platz zwei der deutschen Album Charts. Die Band war 2011 für den Echo nominiert und füllt die großen Konzerthallen des Landes. Frei.wild ist derzeit eine der erfolgreichsten deutschsprachigen Musikgruppen und gleichzeitig wohl die umstrittenste. Wegen ihrer Texte über Heimatliebe und Gewalt – und weil die eben Philipp Burger singt, der in seiner Jugend ein Skinhead war und Frontmann einer rechten Band.

Drei Stunden, bevor Philipp Burger, 32, in Berlin auf die Bühne tritt, sitzt er in den Betonkatakomben des Velodroms auf der Kante eines Sofas, nach vorne gebeugt, wie zum Sprung bereit. Er hat ein Lächeln, das den Blick freigibt auf eine Zahnlücke. Er hat das Gesicht eines Lausbuben und eine Stimme wie Schmirgelpapier. In einer Ecke des Raums haben seine Leute eine Kamera aufgebaut. Sie filmen jedes Interview, das die Band gibt. Für sich privat, erklärt die Pressefrau hinterher, weil für die Band doch alles noch so besonders sei. Das ist das Image, das sie pflegen: die Kleinstadtjungs von nebenan. Interviews aber gibt Philipp Burger wie ein Popstar, mit klaren Ansagen: Nicht mehr als fünf Fragen zur Politik.

Normale Rotzlöffel

Frei.wild ist eine unpolitische Band, das betonen sie immer wieder wie ein Mantra. Nur ist man schon bei der Politik angelangt, will man schlicht über den Werdegang von Frei.wild reden, der beginnt, wo Philipp Burgers Zeit in einer Skinheadband namens Kaiserjäger endet, in der er darüber sang, dass er Ausländer hasse.

Erste Frage: Was hat es für ihn bedeutet, Skinhead zu sein? „Ich bin in Brixen aufgewachsen, eine kleine Stadt mit 20.000 Einwohnern. Wir wollten anders sein, rebellieren. Das ist ja Teil der Pubertät. Man hat die Haare kurz und man hat gewusst, dass man mit diesem Auftreten so ziemlich vielen Leuten auf den Sack gehen kann. Komplett normale Rotzlöffel halt.“ Die Zeit war vorbei, sagt er, als er seine Ausbildung zum Zimmermann machte, der Gesellenbrief wichtiger wurde, als das Grölen von rechten Parolen. Drei Jahre Skin. Es klingt harmlos, wenn Burger darüber redet, eine Jugendsünde, unpolitisch im Grunde, nicht zu vergleichen mit dem, was in Deutschland abgehe, sagt Burger. „Es kann doch nicht sein, dass man immer wieder die Nazikeule rausholt und damit auf mich eindrischt.“ Das alles sei schon fünfzehn Jahre her.

Doch sind erst vier Jahre vergangen, seit er Mitglied bei den Freiheitlichen war, eine Südtiroler Partei, die als rechtspopulistisch gilt, die sich eine Zeit lang mit der österreichischen FPÖ zusammengetan hatte und heute noch im Südtiroler Landtag dafür wirbt, Ausländern die Sozialleistungen zu kürzen. Es hatte damals einen Vorfall gegeben, so beschrieb es Burger selbst 2008 in einem offenen Brief auf der Website der Band. Er schreibt häufig Briefe an seine Fans, erklärt sich, versucht, die Dinge klarer zu stellen, als es auf den Konzerten geht.

„Dass Burger sagt, seine Musik sei nicht rechts, ist, als würde jemand im Schwimmbad seine Bahnen ziehen und dabei laut rufen: Ich kann nicht schwimmen.“

Christoph Schulz, Politologe

Über Monate, so schrieb er also, hätten „ausländische Gangs“ gewalttätige Übergriffe auf Jugendliche in Brixen verübt, eine Bekannte, schwanger, wurde zusammengeschlagen, die einzige Partei, die versprach, sich der Sache anzunehmen, seien Die Freiheitlichen gewesen. Burger ging auf eine ihrer Veranstaltungen, trat ans Rednerpult. Die Partei listete ihn danach öffentlich als Mitglied des Vorstands der Bezirksgruppe Eisacktal, bis Frei.wild auf einer von den Freiheitlichen gesponserten Veranstaltung spielen sollen und Fans protestieren. „Ich bin aus der Partei wieder ausgetreten, aber nicht etwa, weil ich mit dem Parteiprogramm nicht einverstanden wäre“, schreibt Burger, „sondern weil ich eingesehen habe, dass es etwas zwiespältig ist, Parteimitglied zu sein und gleichzeitig Distanz von der gesamten Politik zu nehmen.“

Zweite Frage im Backstage-Raum: Was denkt er heute über seine Zeit bei den Freiheitlichen? „Ich war da nie Mitglied, ich hab da nichts gemacht, ich bin kein parteipolitisch denkender Mensch“, sagt Philipp Burger. Die Partei versuche, ihn für sich vereinnahmen, erklärt die Pressefrau später. Wem schenkt man Glauben? Den vielen Belegen für seine Mitgliedschaft? Dem Philipp Burger aus dem Internet oder dem Philipp Burger auf dem Sofa?

Dritte Frage: Was meint er, wenn er Heimat sagt, vom Volk singt, das nicht aussterben soll? „Südtirol“, sagt er, „die Menschen, die dort leben, und damit meine ich alle.“

Vielleicht ist die Geschichte von Frei.wild auch einfach die Geschichte eines Mannes, der nie viel nachgedacht hat in seinem Leben, ehe er Dinge tat; der oft erst später, manchmal zu spät, merkt, dass er auf dem falschen Weg gelandet ist; der die Südtiroler Berglandschaft liebt, sich wohlfühlt in seiner Kleinstadt, seiner Heimat, und darüber Lieder singt. All das würde niemanden interessieren, würde Frei.wild nicht Hunderttausende Platten verkaufen und würden Philipp Burgers Gedanken damit hunderttausendfach gehört. Musiktexte haben keine Fußnoten, sie stehen erst mal so da. Genau wie das Musikvideo zu dem Song „Wahre Werte“, in dem Fackelmärsche des Südtiroler Schutzbundes unter rot-weißen Flaggen zu sehen sind. Man kann sagen, dass sei ein Heimatbrauch. Man kann sagen, das sei Nazi-Ästhetik.

Der Politikwissenschaftler Christoph Schulz fand Frei.wild bereits vor einiger Zeit bei seiner Arbeit für das Antifaschistische Pressearchiv in einem rechten Internetforum, in einer Liste zwischen rechtsextremen Musikgruppen wie Landser und Endstufe. „Frei.wild lügen, wenn sie sagen, sie seien eine unpolitische Band“, sagt Christoph Schulz. „In ihren Songs stellen sie ganz klare politische Forderungen auf, die auch von Neonazis diskutiert werden.“ Wenn Burger etwa anprangert, dass Kreuze aus Schulen entfernt werden „aus Respekt vor den andersgläubigen Kindern“; wenn er vom Volk als Baum singt, der ohne Wurzeln nicht überlebt; wenn er Menschen, die seiner Meinung nach ihr Land nicht achten, zu Feinden macht, die ihm wiederum einen Stempel aufdrücken, wie man einst einen Stern an die Brust heftete. „Dass Burger sagt, seine Musik sei nicht rechts, ist als würde jemand im Schwimmbad seine Bahnen ziehen und dabei laut rufen: Ich kann nicht schwimmen“, sagt Schulz. „In der Naziszene sind Frei.wild gefeierte Stars.“

Ein pixeliges Video im Internet. Patrick Schröder sitzt vor der Kamera, die langen Haare in der Mitte streng gescheitelt und zum Zopf gebunden. Auf seinem T-Shirt prangt ein Lorbeerkranz mit Runen darunter. Dagegen wirkt das bis auf den letzten Knopf geschlossene weiße Hemd und die straffe rote Krawatte, die er auf Wahlplakaten trägt, wie eine Verkleidung. Schröder, 29, ist seit 2005 Kreisvorsitzender der NPD im oberpfälzischen Tirschenreuth. Und Betreiber der Internetplattform FSN, die mit dem Slogan „Hören macht frei“ wirbt. Werbung macht er dafür auch auf Schulhöfen, um so die Köpfe zu erreichen, „die sonst noch keinerlei Berührung mit unseren politischen Inhalten hatten“, sagte Schröder dem NPD-Parteiorgan Deutsche Stimme.

In dem Video vom 14. Oktober bespricht er das neue Album von Frei.wild. „Hart an der Grenze, wo man dann wirklich mal Probleme bekommt“, sagt Patrick Schröder. Und hin und wieder „ein Nebensatz gegen unsere Richtung, das muss man ja machen.“ So schafften es Frei.wild eben „100.000 mal mehr in die Köpfe der Menschen“ als es ihnen als kleine Partei möglich wäre. Schröders Fazit: „Politisch vielleicht nicht hundert Prozent bei uns auf Linie, aber immerhin achtzig Prozent. Und sie geben dreißig Prozent davon zu.“ Am Ende verlost Schröder dann die Frei.wild-CD.

Ist das nun die Vereinnahmung einer Band durch eine neue Generation von Rechtsextremisten, die sich von den angestaubten Codes einer NPD befreit, und sich freimütig der Jugendkultur bedient, von HipHop bis Streetart? Zumindest zeigt die Begeisterung Rechter wie Patrick Schröder: Frei.wilds Musik ist kompatibel mit einer extrem rechten Ideologie.

Wie eine Art Gebrauchsanweisung wirkt da der Slogan, den Frei.wild mittlerweile auf Plakaten, auf Facebook und vor Videos im Internet verbreiten: „Zeig Flagge gegen Rassismus und Extremismus“. Philipp Burger sagt, ihm sei das alles beim Songschreiben nicht bewusst gewesen. „Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, wie man als überzeugter Neonazi Freiwild gut finden kann. Das ist mir ein komplettes Rätsel.“

„Frei.wild, Frei.wild, Frei.wild“, sagt Heribert Schiedel, „auf einmal habe ich das ständig von Jugendlichen gehört.“ Schiedel veröffentlicht seit fast zwanzig Jahren wissenschaftliche Arbeiten zum Thema Rechtsextremismus, macht Präventionsarbeit an Schulen. „Frei.wilds Musik kann wie eine Einstiegsdroge sein, für härtere Sachen“, sagt er. „Frei.wild ist keine Neonaziband, aber Ausdruck eines Meinungsklimas, das sich nach rechts verschiebt.“ Als Rockband verpacken Frei.wild das in den Gestus der Rebellion, als ein Auflehnen gegen „die da oben“.

Einfache Antworten

Unten, vor der Bühne im Velodrom, wo breitschultrige Männer schwitzen, schubsen und johlen, steht zum Beispiel Ralf aus Pankow, 48 Jahre alt, Steuerberater, Vater von vier Kindern. Seinen Nachnamen will er nicht in der Zeitung lesen. Das Misstrauen gegenüber den Medien, in denen ihre Band die „neue Reichskapelle“ genannt wird und ihre Musik „dumpfer Patriotenrock“, ist groß. Ralf ist seit Jahren Mitglied im Fanclub der Band, hat Dutzende Konzerte besucht, mit seiner Familie fuhr er in den Urlaub in Philipp Burgers Heimatdorf, als die Band dort einen Laden eröffnete. „Die Musik von Frei.wild geht richtig rein“, sagt Ralf, „sie ist mein Leben, meine Sorgen, meine Ängste.“

Einer seiner Lieblingssongs heißt „Wer nichts weiß, wird alles glauben“, ein anderer „Der Staat vergibt, dein Gewissen nicht“. Es geht darin um Gewalt auf der Straße, um Zivilcourage, „Mut zum Handeln, Mut zum Helfen“, singt Philipp Burger, „steh deine Frau, steh deinen Mann.“ Genau daran habe Ralf denken müssen, als vor ein paar Wochen Jonny K. auf dem Alexanderplatz totgeprügelt wurde, und dass die Täter doch meistens mit geringen Strafen davonkommen. „Ein Rechtsstaat ist kein Rechtsstaat, der die Opfer so vergisst. Große Sünde, kleine Buße“, singt Burger. Ein Staat, der härter durchgreift – es sind die einfachen Antworten, die Burgers Texte liefern.

Ralf geht nicht wählen, weil die Parteipolitik ihn frustriert, er nicht mehr durchblickt bei Themen wie der Euro-Rettung. Und weil Politiker, von denen er findet, dass sie Klartext reden wie Neuköllns Bürgermeister Heinz Buschkowsky, in die rechte Ecke gestellt werden. Wie seine Lieblingsband.

Und die Skinhead-Vergangenheit von Burger? Ralf winkt ab. „Jugendsünden, wer hat die nicht?“ Er selbst habe Jahre im Fußballstadion bei den Spielen des Zweitligisten 1. FC Union Berlin verbracht, als Hooligan, ständig betrunken. Auch das geben Frei.wild ihren Fans: Das Gefühl, aufgenommen zu sein in eine Gemeinschaft: Wir haben Scheiße gebaut, aber es ist okay.

Vor Kurzem lud der Bürgermeister von Brixen Frei.wild ins Rathaus ein. Er überreichte den Musikern ein Bild vom Brixener Domplatz, als Gratulation zum Erfolg. Philipp Burger ist jetzt so eine Art Ehrenbürger. Außerdem ist er verheiratet, Vater von zwei kleinen Kindern. Er sagt, er sei froh, dass sie nicht in Deutschland leben, wo manche ihren Vater für einen Nazi halten. Er klingt wie ein Mann, der Angst um sich hat.

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