Klein ist er. Blass. Hager. Schmal. Zart. Fragil irgendwie. Man könnte ihn glatt übersehen, diesen jungen Mann, der von einem Mann noch nicht gar zu viel an sich hat. Ist ja auch erst 23. Eigentlich fast noch ein Kind, habituell. Und wie er da so unschuldig steht, ein wenig verlegen, möchte man ihm am liebsten ein Eis ausgeben. Im akustisch heiklen Mozarteum hatte er in diesem Jahr sein begeistert aufgenommenes Salzburg-Debut mit Werken von Bach, Liszt, Debussy und Chopin. Das heißt schon etwas, wenn man sich vergegenwärtigt, wie groß in Salzburg die Konkurrenz war, sogar Krystian Zimerman, das Phantom, hatte sich hören und blicken lassen mit Beethoven und polnischer Moderne.
Zimerman: Will man ganz vorsichtig eine Linie ziehen, führt sie von diesem außergewöhnlichen Pianisten zu Rafal Blechacz. Beide sind Polen, beide neigen, wohl nicht zuletzt deswegen, dem Lyrischen in ihrem Spiel weit mehr zu als dem dramatisch-effektuös Aufgeladenen, und beide haben in frühen Jahren den wichtigsten internationalen Klavierwettbewerb gewonnen, den Warschauer Chopin-Wettbewerb: Zimerman 1975, da war er kaum 19, Blechacz vor drei Jahren, mit 20, noch eingeschrieben als Student der Musikakademie von Bydgoszcz.
Ein Klangsensualist
Das Signifikante daran war die Souveränität, mit der er siegte, und der Vorsprung. Keine Debatten, kein Skandal, die Jury war sich einig: Der kann alles besser als die anderen. Nie zuvor gewann ein und derselbe Pianist sämtliche Preise. Und nie zuvor war auch die Industrie so schnell. Kaum hatte er sich vom Sieg erholt (ein Staunen, so Blechacz, habe sich seiner schon bemächtigt, als er die Goldmedaille überreicht bekam), lag ein Vertrag auf dem Tisch. Exklusiv natürlich. Und vom feinsten.
Keine Frage, was dann im vergangenen Jahr die erste CD brachte: Chopin, die Préludes. Und beschaute man das Tun dieses neuen Sterns am Tastenhimmel, ließ sich zumindest sagen: Verdammt begabt ist er. Ein Klangsensualist vor dem Herrn, ausgestattet mit einer technischen Fertigkeit, die ihm alle Türen öffnet. Doch eben da lag damals das kleine, aber feine Problem. Noch ließ er die eine oder andere Tür verschlossen. Man hörte es zumal in den Stücken, die scheinbar so leicht sind und gerade deswegen den großen Gestalter verlangen: in jenen Préludes also, in denen pianistische Brillanz nicht genügt, um einzudringen in Chopins Ideenkosmos. Zum e-Moll-Prélude etwa und ebenso zum so genannten Regentropfen-Prélude fiel Blechacz kaum etwas ein, da spürte man seine interpretatorische Naivität.
War hingegen romantisches Sehnen und Seufzen und Schwelgen (oder alles zusammen) gefragt, zeigte der polnische Pianist sozusagen sein ganzes Herz. Da war man dann, ob nun Agnostiker oder Glaubender, doch mitgefangen, mitgerissen, fortgespült in die Welt der idealistischen Traumlandschaften.
Er hat sich rasch entwickelt, aber nichts überstürzt. Hat sein Studium beendet bei Jacek Polanski. Und nicht nur die Ochsengratulationstour des Wunderknaben absolviert, sondern zeitgleich am richtigen Repertoire gefeilt. Man darf heutzutage ja schon aufatmen, wenn ein junger Pianist nicht vom Rausch animiert in die Chopin-, Liszt- und Rachmaninow-Fluten hinabsteigt, um sich dort auszutoben (und nie wieder aufzutauchen), sondern sich zur Wiener Klassik hinwendet, zu Haydn, Mozart, zum frühen Beethoven. Und zu Bach. Blechacz liebt Bach, man kann es seinem Spiel anhören. Die Plastizität, die präzise Artikulation und Durchhörbarkeit auch bei Chopin, Liszt und Debussy, sie hat dort ihren Ursprung.
Eine Art Anti-Lang Lang
Man könnte es auch "Geist" nennen. Und Blechacz als eine Art Anti-Lang Lang bezeichnen. Lang Lang bietet Entertainment, das auf Sinngebung verzichtet, acht Takte Mozart genügen, um wütend zu werden. Bei Blechacz genügen sie, um zu wissen: Der weiß, was Mozart wollte, und ordnet sich diesem Willen erst einmal unter, bevor er eigensinnig wird.
Blechacz formuliert diesen Willen mit Akkuratesse, mit feinsinniger Phrasierung, mit einem Gespür für die klanglichen Raffinessen. Aber er übersteuert nie. Deswegen und weil sein Wesen eher scheu ist, sein verbales Agieren eher bedächtig, sinnierend, wird er wohl nie Gast einer Talkshow sein. Aber vermutlich weiß er noch gar nicht, was für ein Glück das bedeutet.
Was er weiß, ist, dass er nicht nur Klavier spielen will in nächster Zukunft. Im kommenden Jahr will sich Rafal Blechacz an der Universität einschreiben, für das Fach Philosophie. Und sei zweites Album widmet sich Haydn, Mozart, Beethoven. Hörenswert.
Rafal Blechacz, Sonatas. Deutsche Grammophon / Universal