kalaydo.de Anzeigen

Pianistin Alice Sara Ott: Töne sind höhere Worte

Die junge Münchner Pianistin Alice Sara Ott hat sich in das Werk Frédéric Chopins vertieft - mit überzeugendem Ergebnis. Beim Hören ihrer neuen CD offenbart sich ein kluges Nachdenken über Musik. Von Jürgen Otten

Deutschland und Japan verbindend: Alice Ott.
Deutschland und Japan verbindend: Alice Ott.
Foto: DG

Das Stück hüllt sich in a-Moll, ein Lento. Zugeeignet ist es der Baronin d´Ivry, doch der eigentliche Widmungsträger ist ein ganzes Heimatand. Schwer wiegen anfangs die leeren Quinten, und dauert es eine Weile, bis die Melodie im Diskant zu sich (und Kontur) findet. Froher Mut will sich nicht einstellen, anscheinend lastet das Gewicht der Welt zu schwer auf den Schultern dieser Grande Valse Brillante. In Takt 52 plötzlich ein Hauch von Idealismus, das Geschehen wendet sich gen Dur; sostenuto. Und noch ein weiteres Mal strebt dieser Walzer hin zum anderen Tongeschlecht, gibt er sich kämpferisch. Am Ende aber wieder nur die pure Resignation, langsames Verlöschen.

Frédéric Chopin schrieb den Walzer op. 34, 2 im Februar 1831, als er in Wien Kunde erhielt von der Niederschlagung des polnischen Aufstandes gegen die russischen Fremdherrschaft. Beinahe in jedem Takt kann man hören, wie erschüttert der Komponist war, wie schwerwiegend jene Worte gewesen waren, die er im Brief an einen Freund notiert hatte, als er, im zarten Alter von 19 Jahren, über Polens Grenzen hinaus in die westliche Welt getreten war: "Ich verlasse meine Heimat, um zu sterben".

Hört man dieses Stück in der Interpretation von Alice Sara Ott, dann wird evident, wie überwältigend groß der melancholische Teil in Chopins Charakter gewesen sein muss. Mit feinen Strichen zeichnet die junge Münchner Pianistin das Bild eines gleichsam verwundeten Tanzkörpers; ja im Grunde einer Pièce, die gar kein Tanz kein mehr sein kann und dies auch nicht sein will. Sondern Ausdruck von Wehmut und Verzweiflung.

Geschliffene Wiedergabe

In solchen Momenten spürt man die enorme Begabung. Über die pianistische Bravour hinaus, die hier ohnehin nur Mittel zum Zweck ist, offenbart sich ein kluges Nachdenken über Musik, wie es auch bei Liszt und Ravel - den Komponisten, die Alice Sara Ott gegenwärtig neben Chopin präferiert - zum Ausdruck kommt. Ein Denken, das auf Wissen gründet. Jahrelang hat sich Ott mit Leben und Werk des Komponisten auseinandergesetzt, hat sie Chopins Briefe gelesen, seine Biographie durchleuchtet. Das Ergebnis ist eine geschliffene, tiefsinnig-berührende Wiedergabe, die eben auch der Tatsache Rechnung trägt, dass Chopins Walzer, selbst wenn sie Ironie bergen (wie beim Ges-Dur-Stück op. 70, 1 oder dem "Minutenwalzer") von Werken der gleichen Gattung Wiener Prägung Lichtjahre entfernt liegen.

So wie Gütersloh und Tokio. Aus diesen Städten stammen ihre Eltern. Sie selbst ist in München geboren und betrachtet die kulturelle Dichotomie als Bereicherung: Weil sie ihr in verschiedenen Momenten größere Reaktionsmöglichkeiten offeriere. Schon mit drei wusste Alice Sara Ott, dass Töne höhere Worte sind. Dort, wo ihre Sprache versagte, wo sie sich unverstanden fühlte, sagt sie, habe ihr die Musik geholfen, die sprachmächtigste aller Künste. Also verbrachte sie den Großteil ihrer Kindheit und Jugend am Klavier und das, obwohl die Mutter, eine studierte Pianistin, erhebliche Bedenken gegen eine "Karriere" hatte.

Aber was soll man machen gegen ein nach eigener Einschätzung "stures Wesen", das schon mit sieben Jahren bei "Jugend musiziert" oben auf dem Treppchen stand. Also nahm das Schicksal seinen Lauf, inklusiver einer Häufung von Preisen, und mündete vorerst in einem Exklusivkontrakt mit einem großen Musiklabel.

Verträge machen noch keine Kunst. Und Obsession genügt ebenfalls nicht, um Bedeutsames hervorzubringen. Das weiß auch die im Gespräch erfrischend meinungsstarke, zum Widerspruch befähigte Pianistin: "Man kann so viel üben, wie man will. Wenn man keinen Draht zur Musik hat, wird es sehr schwierig." Und beinahe wie eine Grußadresse an Kollegen klingt die folgende Sentenz: "Wenn der Mensch nicht wächst, wächst die Musik auch nicht. Die Musik erlaubt den dummen Pianisten nicht."

Den reflektierten hingegen schon. Und ebenso den kühnen Geist, der solche Sätze sagt wie diesen: "Ein rosafarbenes Leben produziert keine großen Künstler, aber man muss nicht zwingend 40 Jahre alt werden, bevor man Mozart spielt. Wenn man die Musik und den Komponisten, versteht, spielt das keine Rolle, wie alt man ist. Selbst man in einem höheren Alter anders spielt, reifer interpretiert, verändert das nicht den Wert der jungen Interpretation." Bedürfte es eines Beweises für dieses Theorem, Alice Sara Ott liefert ihn. Nicht nur mit dem a-Moll-Walzer Chopins.

Alice Sara Ott: Chopin. Sämtliche Walzer, Deutsche Grammophon.

Autor:  Jürgen Otten
Datum:  16 | 3 | 2010
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
TV

Gestern ferngesehen? Wir auch! Diskutieren Sie mit!

Meistgeklickt
Sieger: Der zehnjährige Marco gewinnt das Finale von DSDS Kids. Moderator Daniel Assmann (l.) und DSDS-Kandidat Thomas Pegram freuen sich.
DSDS Kids: Das Finale 
Das DFB-Bundesgericht mit dem Vorsitzenden Goetz Eilers hat entschieden: Das Relegationsspiel zwischen Fortuna Düsseldorf und Hertha BSC wird nicht wiederholt.
Kein Wiederholungsspiel zwischen Düsseldorf und Berlin 
 Mely Kiyak
Kolumne zum neuen Umweltminister 

Video