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Plädoyer: Neue Ideen für Alte Musik

Warum die Akademie für Alte Musik Berlin kein Opfer der Finanzkrise werden darf.

Würdevoll: die Akademie für Alte Musik Berlin, genannt Akamus.
Würdevoll: die Akademie für Alte Musik Berlin, genannt Akamus.
Foto: Kristof Fischer

Wenn an der Staatsoper Barockoper gespielt wird, ist das Haus stets voll und die meist von dem großen René Jacobs geleitete Aufführung auf künstlerisch zuverlässige Art bemerkenswert – eine Ausnahme in der qualitativ eher unzuverlässigen Berliner Musiktheaterlandschaft. So großzügig die Staatsoper diese Produktionen fördert – sie verdanken sich nicht in erster Linie ihrer Begeisterung für Monteverdi oder Händel, sondern dem Umstand, dass die Staatskapelle gerade auf Tournee ist und das Haus anderweitig bespielt werden muss. Deswegen nimmt im Graben der Staatsoper zuweilen Berlins fabelhaftes Barockorchester Platz: die Akademie für Alte Musik Berlin.

Das ist nur ein Beispiel für die Unselbständigkeit der Alten Musik in Berlin und für die Zufälle, von denen sie abhängt. Es fehlt in dieser Stadt nicht an Ensembles, wohl aber an Vernetzung und Zentralisierung, die ihnen Gewicht verleihen könnten. Die Musikförderung des Landes Berlin geht fast vollständig an Konzertreihen, Netzwerke und Ensembles für Neue Musik. Zwei Festivals, Ultraschall und die MaerzMusik, dazu die Kompositionsabteilungen der Hochschulen und der Akademie der Künste machen Berlin zu einem attraktiven Ort für die Szene.

Zu dieser Stadt mit ihrem berüchtigten Drang zur ständigen Neuerfindung passt die Neue Musik vielleicht besser als die Alte. Indes hat die Alte Musik ein wesentlich größeres zahlendes Publikum, das beweisen nicht nur der Besuch der Barockopern, sondern auch die ausverkaufte Abo-Reihe der Akademie für Alte Musik Berlin im Konzerthaus. Sieht man von einmaligen Projektförderungen ab, arbeitet die „Akamus“ bislang ohne Zuschüsse öffentlicher Hand. Während die beiden anderen bedeutenden deutschen Barockorchester – das Freiburger Barockorchester und Concerto Köln – institutionelle Förderungen durch Stadt und Land beziehen, finanziert sich die Akademie allein durch Kartenverkäufe, durch Aufträge etwa zur Begleitung des Rias-Kammerchors und durch Gastspiele. Von rund 100 Konzerten pro Jahr spielt das Ensemble je ein Drittel in Berlin, im Bundesgebiet und im Ausland, von Nord- und Südamerika bis nach Japan. 1,2 Millionen CDs wurden bislang weltweit verkauft – für das Repertoire-Segment eine stolze Zahl, die zeigt, dass man die Akamus überall als „one of the world’s leading early music ensembles“ schätzt.

Und so wäre alles in Ordnung, wenn nicht die Finanzkrise den Spielraum für freie Ensembles empfindlich einschränken würde. Angesichts knapper Kassen laden die Veranstalter immer öfter statt eines freien und damit teuren Ensembles mit neuartigen Programmideen lieber ein subventioniertes Sinfonieorchester ein, das seinen Beethoven für ein Viertel des Gelds spielt. Doch selbst die Staatskapelle hat nicht mehr so viel Gastspielangebote wie noch vor einigen Jahren – weshalb wiederum die Zeit für Barockoper in der Staatsoper knapper wird.

So gerät die Akamus von zwei Seiten unter Druck. Vor 30 Jahren von Mitgliedern Ost-Berliner Orchester gegründet, hat sich an der Struktur des Ensembles bis heute nichts geändert: Es gibt eine Art Stammbesetzung, aber keine Stellen; gespielt wird gegen Honorar. Das war in der Anfangszeit kein Problem, als die Musiker neben ihrer Anstellung in Staatskapelle oder Berliner Sinfonie-Orchester zu historischen Instrumenten griffen. Die jüngere Generation aber, die sich im Studium auf historische Aufführungspraxis spezialisiert hat, ist von der Auftragslage abhängig.

Wenn die Akademie für Alte Musik sich jetzt um institutionelle Förderung durch das Land Berlin bewirbt, dann fordert sie keine riesigen Beträge, mit denen Musiker in Lohn und Brot gesetzt werden sollen. Es geht vor allem darum, die Kosten für das organisatorische Drum und Dran, ohne das ein solches Ensemble seine Konzerte nicht bewältigen kann, nicht auf die Kartenpreise aufschlagen zu müssen. Die Akamus kommt weit in der Welt herum und zeigt, was Berlin außer den Philharmonikern musikalisch zu bieten hat. Berlin wiederum profitiert von einem eigenwilligen, hochprofessionellen, originellen und immer wieder überraschenden Ensemble. Es bildet den Gravitationspunkt der Alten Musik in dieser Stadt – wenn es an Anziehungskraft verliert, wird das der ohnehin gefährdeten Präsenz dieser Musik in Berlin empfindlich schaden.


Autor:  Peter Uehling
Datum:  15 | 1 | 2012
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