Manch einer hat darauf tatsächlich mehr als zehn Jahre gewartet. Auf 49 Minuten und 17 Sekunden Musik. Auf "Third", auf elf neue Lieder von Portishead. Und nun, da sich die Anspannung löst, sind die Gefühle nicht eindeutig einzuordnen. "Sharivari" ist "sehr enttäuscht", während "litebulbs" findet, dass "die Warterei sich gelohnt" hat. Ein gewisser "jonnypop" meint, seine Lieblingsband sei "weit entfernt von Perfektion", während der Kollege "portishead.blip.tv" eine "brillante Entwicklung" beobachtet haben will. Die Verwirrung im Forum auf der Website von Portishead bringt "scorned" auf den Punkt: "Third" sei zwar "ein gutes Album, aber überhaupt kein TripHop mehr".
Ach ja, TripHop. Das war das Schlagwort, unter dem das Trio aus Bristol Mitte der neunziger Jahre Millionen Platten verkaufte und einer Generation den Soundtrack lieferte. Schon damals war der Begriff ein eher ungeeignetes Vehikel, arg unterschiedliche Musik auf einen Nenner zu bringen, ihr eine einheitliche Aufgabe zuzuweisen. Und die bestand darin, jene Menschen, die sich zu alt fühlten für Ecstasy-geschwängerte Techno-Nächte, einzuführen in die Wunder der elektronischen Klangerzeugung.
Portishead galten als das Flaggschiff dieser Mission, das hat für einen bis heute legendären Ruf gesorgt. Erst unlängst gestand Danger Mouse, der musikalische Kopf der allseits verehrten Gnarls Barkley, von Portishead "sehr, sehr geprägt" worden zu sein.
Diese Nachwirkung erklärt sich dadurch, dass das Trio aus Bristol bis dahin Unvereinbares erstmals zusammen dachte. Portishead verbanden die Wärme alter Jazz-Platten mit der Kälte der Maschinenklänge, die aus den Tanzbunkern jener Zeit an die Oberfläche drangen. Mit dieser bis dahin unerhörten Kombination und, nicht zu vergessen, einigen sehr verführerischen Melodien eroberten sie den Mainstream und setzten einen neuen, digitalen Standard, der die Popmusik seitdem dominiert. In letzter Konsequenz kann man die aktuell grassierende Retro-Sehnsucht um Amy Winehouse und Duffy als späte Gegenreaktion auf den Sound-Entwurf von Portishead interpretieren.
Retrospektiv allerdings lehnen die beiden Sound-Konstrukteure Geoff Barrow und Adrian Utley jedwede Verantwortung ab. Niemals habe man, erzählen sie in Interviews, bewusst die Verdrängung des analogen Klangs durch digitale Techniken betrieben. Und tatsächlich gelingt es dem Trio auf "Third", zwar nicht digital zu klingen, aber trotzdem so kalt und bösartig wie niemals zuvor. Utley hat das neue Album seiner Band, die ältere Schwester der ersten beiden Werke "Dummy" (1994) und "Portishead" (1997) genannt. Es scheint nur, als habe die Verwandte diese letzten Jahre in einer Nervenheilanstalt verbracht, um ihre schweren Depressionen behandeln zu lassen.
Denn zwar haben sich Portishead für "Third" ihre grundsätzlichen Qualitäten weitgehend erhalten. Die Songs sind allesamt mit gemächlichem Tempo ausgestattet, die Rhythmen vorwiegend monoton, und über allem schwebt die immer noch glockenklare, seltsam emotionslose Stimme von Beth Gibbons. Doch anstatt die knisternd-warmen Harmonien alter Jazz-Platten zu samplen, stützen sich Utley und Barrow diesmal auf metallische, aggressive Klänge, die ein ungemütliches, grau-blaues Sounddickicht bilden, durch das noch zusätzlich fiese Störgeräusche fahren. Die vorherrschende Stimmung ist bedrohlich, fast schon klaustrophobisch. In Songs wie dem über sechs Minuten langen, dramatischen "We Carry On" wirkt Gobbins wie ein Hamster, der in einen Käfig aus stahlgrauen Klängen und monotonen Beats eingeschlossen ist.
Sperrig, widerspenstig sind diese Songs, wirklich tanzbar ist kaum einer von ihnen, und die Parties, die in den neunziger Jahren mit "Dummy" beschallt wurden, würden heute nach dem Genuss von "Third" geschlossen einen Psychotherapeuten aufsuchen. Mancher Ton, so die das Album abschließenden Brummlaute, die klingen, als würde ein Computer sich angeekelt schütteln, wirkt fast, als wollte das Trio seine alten Fans vergrätzen, die es ja gerade schätzten, inmitten der digitalen Morbidität doch noch die Schönheit schillern zu sehen. Die allerdings ist sorgsam versteckt auf "Third", und das, da kann man die Wartenden verstehen, ist allerdings durchaus ein Grund, verwirrt zu sein.
Portishead: Third (Universal),
digital bereits
erschienen, als
CD am 25. April.